Das Prinzip Nirwana

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„Der letzte Wille ist der, wahrhaft gegenwärtig zu sein. So daß der gelebte Augenblick uns und wir ihm gehören…“ (Ernst Bloch: „Das Prinzip Hoffnung“, S. 15)

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Prepairing for Thursday: Bügelfalten der Vernunft

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Beim Bügeln gerade abwechselnd Leibniz‘ „Monadologie“ und Gilles Deleuze‘: „Die Falte“ gelesen: „Die ins Unendliche gehende Falte ist das Charakteristikum des Barock. Und zunächst differenziert er sie nach zwei Richtungen, nach zwei Unendlichen, wie wenn das Unendliche zwei Etagen besäße: die Faltungen der Materie und die Faltungen der Seele.“

Auflösung mit Leibniz-Bügeleisen-Performance am Donnerstag im Noch besser leben / Leipzig

 

27.10.2016, 20 Uhr, Noch besser leben, Leipzig / Philosophischer Salon #1: „Die beste aller möglichen Welten!“ – Realität, Utopie, Verdrängung?

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Mit Jan Kuhlbrodt, Linn Penelope Micklitz und Kurt Mondaugen; Support: Dannek (Klavier), Videoinstallation:  Konstantinos-Antonios Goutos

Aus Anlass von Gottfried Wilhelm Leibniz‘ 300. Todestag bringen die drei Leipziger Philosophen/Literaten/Performer Jan Kuhlbrodt, Linn Penelope Micklitz und Kurt Mondaugen die berühmte These von Leibniz, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, live zur EXPLOSION – musikalisch kongenial unterstützt vom legendären Lesebühnen-Pianisten Dannek. Danach wird interaktiv und zusammen mit dem Publikum seziert: Wieviel Realität, wieviel Utopie und wieviel Verdrängung steckt heute in Leibniz‘ Behauptung? Spoken Word Philosophy meets Poetry! – Also nichts wie her mit dem hermeneutischen Surfbrett, Dr. Pangloss!

Dazu zeigt der Videokünstler Konstantinos-Antonios Goutos seine außergewöhnliche     (Leibniz-)Videoinstallation: „natura non saltum facit.

 

Der Veranstaltung werden 2017 unter dem Titel “Soundcheck-Philosophie-Salon” im Noch besser leben weitere interaktive Salonabende an der Schnittstelle von Philosophie und Kunst folgen.

 

Ort: Noch besser leben, Leipzig-Plagwitz, Merseburger 25/Ecke Karl-Heine-Straße

Beginn: 20 Uhr

Eintritt: frei

Eine Veranstaltung im Rahmen des Leipziger Literarischen Herbstes 2016

Weitere Informationen:   http://www.leipziger-literarischer-herbst.de/

www.kurt-mondaugen.dewww.sinnstudio.wordpress.com   / https://postkultur.wordpress.com  / www.linn-micklitz.de

konstantinosantoniosgoutos.wordpress.com

I have a Dream: Frauke Petry!

AFD

Und eines Tages, kurz nachdem die Alternative für Deutschland am 30. Januar 2017 durch irgendein Ermächtigungsgesetz endlich wirklich die Macht in Deutschland übernommen hätte, und kurz nachdem die AFD-Führung mit treuer Hilfe der zur Schutzstaffel umbenannten Sächsischen Polizeitruppen alle Dönerläden in ganz Deutschland arisiert und alle demokratischen Parteien verboten und deren Anführer ins KZ gesteckt hätte, und kurz nachdem dann auch innerhalb der AFD-Regierung die ersten Machtkämpfe ausgebrochen wären und man plötzlich auch in der AFD mit innerparteilichen Säuberungen begonnen hätte, und kurz nachdem dann sogar Frauke Petry plötzlich aus der Partei ausgeschlossen worden wäre, weil sie sich geweigert hätte, den Eid auf den großen Führer Björn Höcke zu leisten, und man ihr deswegen mit Verhaftung und Folter gedroht hätte, wenn sie noch ein einziges Mal versuchen würde, das Maul aufzumachen, und wenn Frauke Petry dann vor lauter Angst sich gezwungen fühlen würde, Deutschland zu verlassen und ins Exil zugehen und dazu die verdammte Balkanroute gen Südosten nehmen müsste, weil mittlerweile ganz Europa nur noch von nationalistischen Diktatoren beherrscht sein würde, die keinem einzigen Flüchtling, woher auch immer er oder sie auch käme, mehr Asyl gewährten, und weil das letzte Land der Welt das überhaupt noch Flüchtlinge aufnehmen würde, die Türkei sein würde, und kurz nachdem Frauke Petry, dann also nach drei Wochen Flucht mit einem zerrissenen Breuninger-Kleid in einer kalten Märznacht 2017 versuchen würde, die Grenze – sagen wir nach Ungarn – zu überschreiten, würde irgendeine ungarische Grenzpatrouille auf Ungarisch dreimal hintereinander „Halt stehen bleiben“ rufen und dann einfach mal drauf halten auf das Asylantenpack, das da illegal über die Grenze einzudringen versuchte, so wie Viktor Orban es ihnen befohlen hätte. Und während Frauke Petry mit einem Magendurchschuss röchelnd irgendwo wie ein Wildschwein im Unterholz der Puszta verblutete, würde sie plötzlich beginnen noch einmal ganz neu über Sinn und Unsinn des Schießbefehls gegen Flüchtlinge im Schengen-Raum nachzudenken. Und bestimmte Synapsen in ihrem Gehirn würden sich auf einmal wirklich ganz neu verschalten, und während die Grenzer von Viktor Orban sie schon aufgespürt hätten, um ihr den finalen Fangschuss zu geben, würde sie ihnen röchelnd mit letzter Kraft entgegenrufen: „Kein Mensch ist illegal“

– Aber: Pech gehabt! – Befehl ist Befehl! – I have a Dream, Frauke Petry!

 

Last Call: MEMENTO!

Foto Memento mit Schneeflocken

Und es war an diesem Tag Ende Februar, in jenem später nicht enden wollenden Winter, als es unerwartet plötzlich doch noch zu schneien begann, und der Schnee dann bis Ostern liegen blieb und uns den Atmen verschlug, es war also an diesem Tag Ende Februar, als alles begann, als die Stadt nachmittags plötzlich still wurde unter dem nicht enden wollenden Schneefall, und wir beide uns verabredet hatten zwei Tage zuvor für genau diesen Nachmittag, Liebste – zu unserem ersten Date – oder zu unserem ersten „Dreh“, wie wir es später nannten. Und Du hattest diesen Ort ausgewählt – und es wurde ein Spiel daraus später, ungewöhnliche Kulissen zu finden für unser gemeinsames Boheme-Leben – und es war also dieses Filmcafé mit DVD-Verleih am Dorotheenplatz/Kolonnadenstraße 1, das MEMENTO, das gerade eröffnet hatte, und das ich bis dahin nicht kannte, mit dem du mich überraschen wolltest. Und ich kam also mit meinen alten Germina-Langlauf-Ski noch aus DDR-Produktion vom Leipziger Westen aus Plagwitz herübergelaufen durch zwanzig Zentimeter Neuschnee und dieses ganze unfassbare Kristall lag schwirrend in der Luft – durch den Clara- und den Johannapark gleitend – mit pochendem Herzen – das musste am Schnee liegen, dachte ich damals noch – zu diesem ersten Date oder Dreh mit dir, und wir erreichten uns gleichzeitig wie filmreif aus unterschiedlichen Richtungen an diesem magischen Platz vor dem MEMENTO! – Kadrierung! – Schnitt! – Und: Gegenschnitt! – Aufgenommen bestimmt von den Überwachungskameras überm Dorotheenplatz und der Kolonnadenstraße, wenn es sie gibt, und wenn sie je zu irgendwas nutze gewesen wären, dann wäre es genau für diese Szene gewesen. Doppelpunkt/Schnitt:

Ich – auf Skiern mit dem Ostzonen-Norweger-Pullover meines Vaters von links aus Richtung Plagwitz her ins Bild stolpernd und Du von rechts heranwehend in deinem flirrenden Mantel – irgendwas Atemberaubendes – so kam es mir vor – aus den Kulissen der Nouvelle Vague oder von Audrey Hepburn. – Das musste am vielen Schnee liegen, dachte ich mit ungewöhnlich pochendem Herzen, und wir bestellten uns heiße Schokolade oder Kaffee und setzten uns wirklich zwischen all diese Filme und Kulissen in diese Kino-Cafésessel des MEMENTO, während draußen der Schnee herunterrieselte wie im Vorspann von Fargo. Und du erzähltest mir, dass du hier um die Ecke wohnen würdest in deiner Lebenskünstlerinnen-Pension in der Kolonnadenstraße XY, Hotel Colonnade, wie du sie nanntest, und dass das MEMENTO hier dein Lieblingscafé wäre und dein „Absolut-favorite-Film-Verleih-ever“ noch dazu, ein Filmverleih, bei dem du dir aber seit ein paar Wochen magischer Weise gerade immer nur noch Liebesfilme ausleihen würdest, fügtest Du lächelnd hinzu, „sogar Hollywood inzwischen – eigentlich nur Hollywood, um genau zu sein seit vier Wochen“, murmeltest du.

Und wir redeten dann natürlich über diese ganzen Filme mit Meg Ryan, Jude Law, Julia Roberts und Jodie Foster und über Philip Roth und dann noch über Sex, Kindererziehung, Schlingensief und Reinkarnation, ich weiß es noch wie heute, nur über die Reihenfolge bin ich mir nicht mehr ganz sicher.

Und während der Schnee vor den Fensterscheiben des MEMENTO vorüberzog, an diesem endlos langen Nachmittag zwischen Kaffee, heißer Schokolade und einer Flasche Rhabarber-Saft der Mosterei Bunge aus Holzhausen, die wir später ins Gespräch vertieft orderten, und die Flocken sich draußen nach und nach wie zwei kleine weiße Norwegerpullover über die Spitzen meiner Ski stülpten, spürte ich ganz deutlich, dass hier wirklich gerade ein ganz neuer Film begann in meinem Leben und in deinem Leben, egal, ob es diese heimlichen Überwachungskameras der NSA oder von Paramount Pictures nun wirklich gab da draußen überm Dorotheenplatz und der Kolonnadenstraße und ob die das alles wirklich echt mitschnitten, was gerade zwischen uns geschah oder ob sie es nicht taten. Und wir hatten auch keine Ahnung, wer das Drehbuch geschrieben oder uns beide gecastet hatte für diese Rollen, so fühlte es sich damals an, die wir spielten in diesem existentialistischen Moment, in dieser Anfangssequenz von diesem durchgeknallten Liebesfilm, den Hollywood wie gesagt gerade heimlich mit uns drehte oder der amerikanische Geheimdienst – seit Edward Snowden ist ja alles vorstellbar, ahnen wir inzwischen –, diese unüberschaubare Anfangssequenz dieses experimentellen Liebesfilms also, diese ungeschnittene Szene, in der wir uns damals in diesem endlosen Nachmittags-Dreh im MEMENTO gegenübersaßen – zwischen Kaffee, Kakao und Rhabarber-Saft und zu Rotwein übergingen noch später am Nachmittag unvermittelt auf nüchternen Magen. – Und als es dunkel wurde, funkelten die Kristalle der Schneeflocken in deinen Augen wie magische Stroboskope. – Ich weiß es noch wie heute! – Dieser endlose Liebesfilm-Anfang also, in den eingehüllt wir von diesem Augenblick an zu leben lernten oder den wir uns ausliehen ab jetzt täglich im MEMENTO als DVD – und immer unter anderem Namen – Hollywood, Nouvelle Vague oder DOGMA. – „It’s real! Kurt! Krass: It‘s wirklich real! – Spürst du’s auch?!“ riefst du in solchen Momenten, während dein ganzer Körper zuckte, als würde er von einer avantgardistischen Handkamera abgelichtet. Und du kniffst mich in den Arm, und in deinen Augen rollten diese Schneekristalle im Stroboskoplicht, so dass ich jedes Mal aufschrie und erwachte, von nun an täglich nachts in deinem Bett erwachte, Liebste, in deinem 12. oder 13. Zimmer in deinem Hotel Colonnade, in diesem wiederkehrende Winter, Frühling, Sommer, Herbst und Winter usw. – Jene Jahre in Hollywood oder: So wie wir waren oder wie wir die Zeit damals nannten in unserer Privatsprache, ich weiß es noch, diese Zeit, in der wir all diese Filme sahen bis heute anhaltend, all diese Filme also, die wir uns im MEMENTO ausliehen nacheinander und die die wechselnden Aggregatszustände unserer Liebe abbildeten, all die Zeit über, seit unserem Kennenlernen im Schneetreiben, diese atemverschlagenden Filme aus diesem atemverschlagenden Filmverleihcafé MEMENTO, in dem wir Sideways lebten zwischen Coffee & Cigarettes und dem Menschlichen Makel, zwischen Frühstück bei Tiffanys, Woody Allen und der Totalen Therapie, zwischen Barbara Streisand, 9 Songs, Terminator 2, Avatar, Solaris, Lars von Trier und Grand Budapest Hotel.

– Bei der NSA oder in Hollywood gibt es sicher eine Liste darüber, welche Filme wir im MEMENTO ausgeliehen und dann gesehen haben all die Jahre nachts drüben in deinem 13. Zimmer im Hotel Colonnade, oder in welchen Filmen wir lebten auch jenseits deines Zimmers und jenseits des MEMENTO und der Kolonnadenstraße. – In jedem Fall in unserem eigenen Film im Film, denke ich, dessen Anfang sie heimlich mitgeschnitten haben wie gesagt vermutlich, seit diesem Nachmittag Ende Februar, als der erste Schnee fiel in dieser Schlüsselszene vor der Schaufensterscheibe des MEMENTO dort draußen, Liebste, weißt du noch? – ZOOM UND SCHNITT:

Morgen in einer Woche werden die Dreharbeiten zu unserem Film dann endgültig abgeschlossen sein: Wir beide werden am Abend des 26. Februar 2016 zwischen vielen anderen Leuten, die alle ihre eigene Lebens- oder Liebegeschichte mit dem MEMENTO haben, ein letztes Mal auf den Kinostühlen des Filmcafés sitzen. Und es wird bestimmt noch ein letztes Mal Schnee fallen für uns oder für alle Anwesenden wie damals in der Anfangsszene, und wir werden wieder Kaffee und Kakao und Rhabarbersaft und Rotwein nacheinander trinken auf nüchternen Magen, und es wird sich anfühlen wie bei Abschied von Matjora von Elem Klimov oder die Schlussszene von Solaris (1972), und wir werden alle zusammen ein bisschen weinen, bestimmt!

So und jetzt in Prosa: Der 26. Februar 2016 ist der Tag, an dem das Filmcafé und der DVD-Verleih MEMENTO in der Kolonnadenstraße 1 mit einer cineastischen Abschieds-Veranstaltung für immer seine Pforten schließt. Geht alle noch einmal hin bis dahin und leiht Euch Tarkowski aus oder „Jene Jahre in Hollywood“ – However!

 

 

 

Verschwörungstheorie-Relaxing 2016 oder: „Einmal wie alle sein“

Manchmal denke ich, ich bin doch nicht Harry Potter, obwohl ich natürlich wirklich diese krasse Kindheit hatte irgendwo in der Provinz in Schönebeck/Elbe / Sachsen-Anhalt z.B., aufgewachsen in der Besenkammer einer falschen realsozialistischen Neubaublockwohnung des Typs WBS 70 bei meinen falschen realsozialistischen Eltern in der Moskauer Straße 17, und obwohl die Welt mittlerweile noch mehr aus den Fugen ist seit die Russen damals 1979 von Moskau aus in Afghanistan einmarschiert sind und die CIA den islamistischen Terror erfunden hat im Gegenzug, und obwohl ich wieder das Gefühl habe, dringend etwas tun zu müssen im Kampf für den Weltfrieden, weil gerade Weihnachten ist, und obwohl ich jedes Mal unvermittelt diesen Tocotronic-Song höre, wenn ich meinen Staubsauger anwerfe: „Pure Vernunft darf niemals siegen!“, tönt es aus dem Bauch des Staubsaugers, während er gerade die überzähligen Tannennadeln vom Fußboden schluckt und meine Kinder als Yedi-Ritter verkleidet um mich herum tanzen wie um den gefälschten Weihnachtsbaum und mit ihren Laserschwertern die dunkle Seite der Macht in mir bekämpfen – alles wie zukünftig in Band 8 von „Harry Potter“ beschrieben sein wird oder in StarWars Episode 8, ich bringe das alles immer durcheinander, was Prophezeiungen angeht, seit ich Hoghwarts verlassen habe oder Schönebeck/Elbe verlassen habe oder Sachsen-Anhalt und die Provinz verlassen habe damals und zur Tarnung jetzt dieses normale Leben führe in Leipzig-Plagwitz oder Leipzig-Connewitz, unter diesem Pseudonym Kurt Mondaugen also lebe mit Natascha-Lou Salomé und meinen X linksradikalen Kindern und mich auch an das Vermummungsverbot halte, so gut ich kann, sogar am 12. Dezember oder 24. Dezember übrigens, aber trotzdem: manchmal hoffe ich noch immer, ich wäre doch nicht der Weihnachtsmann oder doch nicht Harry Potter wenigstens, und ich wäre doch nicht auserwählt für diese geistigen Weltrettungsmissionen immer, und ich hätte doch nicht all diese verrückten Eigenschaften und Gedanken in mir drin, die mir das Schicksal auferlegt hat, und ich wäre eben doch wie alle, oder würde jedenfalls zumindest denken wie alle oder fühlen wie alle oder wenigstens Hobbies haben wie alle, in Ruhe vegan Karpfen-essen oder Bleigießen nackt im Elsterflutbecken in der Silvesternacht zum Beispiel, aber dann kommt doch wieder diese verdammte Eule ans Küchenfenster geflogen, alle Jahre wieder irgendwann in den Raunächten zwischen Weihnachten und den Heiligen Drei Königen und überbringt mir diesen verdammten Zettel mit dieser verdammten Botschaft aus der Anderswelt, vom Seelischen Weltrettungskomitee zum Beispiel, von der Globalen Antipsychatriebewegung oder von der Internationalen Schamanen-Vereinigung – was ja alles dasselbe ist irgendwie, denke ich manchmal.

Und heute ist es wieder soweit! – Aber es ist keine Eule diesmal, sondern ein Schwarm Krähen, der mir die Nachricht überbringt, nachmittags beim Silvesterspaziergang mit Natascha-Lou und meinen Yedi-Kindern im Clarapark, gerade als wir über die Sachsenbrücke schlendern, ein Schwarm Krähen wie gesagt, der plötzlich direkt über mir auftaucht und einen Schiss auf mich runterfallen lässt – und dann noch einen Schiss und noch einen und noch einen… Und meine Mütze und meine Jacke sehen nach wenigen Sekunden aus wie ein einziges kalligrafisches Schwarz-Weiß-Gewitter mit dieser hundertfachen Vogelschissen drauf, und meine Kinder freuen sich über das Attentat, und auch die Hippies auf der Brücke freuen sich und lächeln mich staunend an wie ein vorfristiges optisches Silvesterfeuerwerk. Nur Natascha-Lou steht nachdenklich neben mir und versucht wie immer, dem ganzen Geschehen einen höheren Sinn zu geben, denn sie kennt sich aus in der Zeichensprache der Vögel und arbeitet als Seelenvogelethnologin am Grassi-Museum für Völkerkunde inzwischen – knapp über Mindestlohn – und sie versteht sich auch darauf, in den Exkrementen von mitteleuropäischen Krähenschwärmen zu lesen, wenn‘s sein muss. Natascha-Lou inspiziert also die weißen Schriftkleckse auf meiner Bekleidung und sagt: „Kurt“, da steht: „Gott kann nur auf einer leeren Tafel schreiben!“

Klar, denke ich, irgend so ein verrückter Zen- oder Meister-Eckehart-Spruch aus dem Mittelalter, was sonst verdammt, wie jedes Mal, bevor es losgeht, ich soll leer werden oder so, und ich verstehe nicht gleich, was damit gemeint ist, sondern erst ein paar Stunden später, in der Silvesternacht als gegen drei Uhr früh der vegane Karpfen des Vorabends in konvulsischen Zuckungen wieder aus meinem Magen und meinem Mund herauszuschwimmen beginnt, zerlegt in seine mittlerweile reichlich weißweinmarinierten Einzelteile. Während ich also kotzend über der Kloschüssel hänge, begreife ich plötzlich, was es wirklich heißt, leer zu werden. Aber Natascha-Lou ist bei mir, ist zum Glück wie immer bei mir, während ich mich stundenlang übergebe und dann von Neujahr an bis zu den Heiligen drei Königen beinahe eine Woche lang im Koma oder im Delirium liege, weil mein Körper sich wehrt gegen seine neue Bestimmung, klar, wie Harry Potter sich auch jedes Mal wehrt, eine neue Aufgabe anzunehmen, wenn er sie gechannelt bekommt von Meister Joda – oder wie dieser krasse Lehrer-Typ aus Hoghwarts heißt –, mal abgesehen davon, dass ich ja selbst Harry Potter bin, in meinem Fieberwahn hätte ich es schon beinahe vergessen, halluziniere ich, während Natascha-Lou mir das schwitzende Gesicht abwischt, mich küsst und „Hingabe! Hingabe!“ in mein Ohr murmelt, und tatsächlich: Irgendwann wehre ich mich nicht mehr, es ist Dreikönigstag und meine Chakren beginnen wie von selbst zu leuchten, und ich fühle mich wirklich leer wie eine Tafel zur Neubeschreibung für Gott oder das Universum. Und Natascha-Lou sagt: „Na geht doch!“

Weil ich völlig entkräftet bin, flößt mir sie fix einen Zwieback und eine Tasse Kamillentee ein, schiebt mich aus der Wohnung und schleust uns in der Abenddämmerung heimlich, ins das Schaudepot des Völkerkundemuseums, wo irgendwo zwischen ausgestopften Vögeln und Voodoopuppen im 13. Kellerzimmer ihr Arbeitsplatz liegt, und wo sie im Handumdrehen ein tuwinisches Schamanenkostüm mit schwarzen Krähenfedern von einem Kleiderbügel zerrt und mir überwirft. – „So, jetzt kann die wirkliche Botschaft der Krähen in dich eindringen!“

PROPHEZEIUNGUnd ich schüttele die Reste des Schüttelfrostes der letzten Tage aus meinem Gefieder, bewege vorsichtig meine Krähenflügel, tapse leicht vor mich hin, und dann durchzuckt es mich! – Eine Sekunde später spüre ich, wie ich plötzlich mit meinem astralischen Krähenkörper knapp 20 Zentimeter unterhalb der Zimmerdecke schwebe. Und nun meldet sich tatsächlich das verdammte Seelen-Weltrettungskomitee chorisch sprechend irgendwo aus dem Off :

„Die Krähe verschmilzt Licht und Dunkelheit, indem sie die innere und die äußere Wirklichkeit gleichzeitig sieht! – Kurt, Ähem Harry, wir haben einen Auftrag für dich, wir haben sogar einen besonderen Auftrag für Dich, einen, den nur Du bewältigen kannst! Du wirst für uns ins Geisterreich der Verschwörungstheorien reisen und 2016 endlich wieder die Wahrheit in die Welt zurückholen. Wir kennen uns da inzwischen selber nicht mehr aus mit diesem ganzen Verschwörungstheorie-Zeug, es ist einfach zu krass geworden die letzten Jahre, und wir kriegen hier alle noch Paranoia, wenn das so weitergeht! Dein Auftrag ist gefährlich, du kannst echt verrückt werden dabei – also wir meinen: noch verrückter, als Du jetzt schon bist, aber… aber Du kannst es auch schaffen, die Chancen stehen 90 : 10 – gegen Dich! Yap & Go!“

Und als ich mit meinem Krähenmantel von der Zimmerdecke wieder heruntergesegelt bin erläutert mir Natascha-Lou meine Aufgabe genauer:

„Die Leute vom Weltrettungskomitee wissen nicht mehr, welche Weltverschwörungstheorie nur eine Theorie und welche echt ist, seit Edward Snowden als Doppelagent für den KGB und die NSA und/oder für Beate Tschäpe, und/ oder für Volkswagen unter dem Tarnnamen Mata Hari oder Barack Obama das Handy der deutschen Kanzlerin abgehört, ihr Gehirn oder das Gehirn von Lutz Bachmann oder Baschar al Assad gehackt und damit die Flüchtlingskrise ausgelöst hat, um das Abendland oder wenigstens Dresden oder die Ukraine an die Wand zu fahren oder vom IS oder Putin unterwandern zu lassen oder das Gegenteil davon zu verwirklichen und TTIP oder Klimawandel oder wenigstens Krieg auszulösen in den Köpfen. – Nein in echt jetzt: Seit Edward Snowdens Enthüllungen, weiß niemand in dieser Welt mehr wirklich mit Gewissheit, wem man glauben soll und was noch die Wahrheit ist, was von alle dem, was die Leute da draußen schon immer befürchtet haben, eine reale Verschwörung in der Welt darstellt, und was nur eine bekloppte Verschwörungstheorie, respektive, wem wirklich vernünftiger Weise noch zu trauen oder zu helfen ist und wem nicht. Und Du, Kurt-Harry, sollst es jetzt herausfinden! Ehe die Welt 2016 noch komplett irre wird und wirklich alles den Bach runtergeht. Du bist die letzte Hoffnung des Universums, oder wie dein Staubsaugen immer sagt: Pure Vernunft darf niemals siegen, aber Pure Unvernunft auch nicht!

Natascha-Lou hat meinen Krähenmantel mittlerweile gegen ein Büffel-Schamanenkostüm aus dem Altai ausgetauscht und mich raus aus dem Keller auf die nächtliche Prager Straße gezerrt. Dort schaut sie mich jetzt erwartungsvoll an. Ich atme also noch dreimal tief ein und dann flüstere ich: „O.k., also: was soll ich jetzt tun?“

LSK MB Januar 2016

„Sieh! Was! Da! Ist!“ flüstert meine wunderbare Freundin.

Und ich sehe mich also wirklich erstmal um, was da ist. Und was da ist, ist ein schwarzer VW-Tuareg mit garantiert gefälschten Diesel-Abgaswerten, der an der Ampel wartet, und dessen Fahrer ich im nächsten Augenblick schon mit einen martialischen Schamanenschrei aus der Wagentür zerre, und dann selbst ans Steuer jumpe, während Natascha-Lou schon auf der andern Seite den Beifahrersitz entert, und wir reifenquietschend und voll Bonny&Clyde-mäßig davonjetten. Und Natascha-Lou schmeißt gleich mal den Navy aus dem Fenster: „Wir werden garantiert schon vom BND verfolgt, aber niemand darf uns orten!“

„Und was jetzt?“ frage ich flehend, als wir drei Minuten später mit 120 Sachen, das Jaulen von einem Dutzend Streifenwagen hinter uns, auf der Ausfallstraße am Völkerschlachtdenkmal vorbei aus der Stadt donnern. „Hör was da ist!“ sagt Natascha-Lou und schaltet den öffentlich-rechtlichen Verkehrsfunk ein.

Ich hatte immer schon vermutet, dass die Leute aus der Anderswelt unsere GEZ-Gebühren dazu verwenden, um über unverdächtige Verkehrsmeldungen im MDR krass geheime Botschaften austauschen. Oder so was. Man muss nur genau hinhören. Und tatsächlich – diesmal ist eine geheime Nachricht für mich und Natascha-Lou dabei:

„Auf der A 4 Richtung Dresden kurz nach der Abfahrt Großpösna liegt ein orientalischer Teppich auf der linken Fahrspur, bitte fahren sie äußerst rechts und überholen sie nicht, bis die Gefahr vorüber ist!“

Fünf Minuten später sind wir schon an Ort und Stelle, lassen unseren gefälschten VW-Tuareg qualmend und blinkend auf der linken Spur zurück, entrollen mit einem zielsicheren Fußkick den Orient-Teppich und springen im Lotussitz auf die Matte – und tatsächlich: während schon eine Hundertschaft GSG 9 in Vollmontur aus Richtung Großpösna heranjoggt, erhebt sich der Teppich mit der magischen Kraft von 1001 Nacht und steigt, eine paar krasse im Mondlicht funkelnde Lines von Chemtrails hinterlassend, auf in das gefährliche Geisterreich aller verdammten Verschwörungstheorien dieser Welt.

Und ich fliege mit Natascha-Lou jetzt also wirklich jenseits der puren Vernunft, die niemals siegen darf durch alle Paranoia-Paradiese aller verwirrten Menschenhirne dieser Erde. – Und Natascha-Lou erklärt mir schon nebenbei meinen Job: „Kurt, du musst sie alle aufsaugen und durch dich durchlassen, diese ganzen Verschwörungstheorien, du musst sie durch alle Fasern und alle Meridiane deines Körper gleiten lassen, ums sie zu prüfen, von deinen Mitochodrien und Wurzelchakras beginnend bis hinauf in die Spitzen deines Schamanengeweihs – und am Ende wird die ganze Welt am Leuchten Deines Geweihs erkennen, welche Verschwörungstheorie stimmt und welche nicht. Und ich nehme das alles mit meiner Handykamera auf und streame es live auf dem Youtube-Kanal der UNO. Die ganze Welt wartet schon. Los jetzt!“

Und tatsächlich durchzucken sie mich jetzt, all diese Verschwörungstheorien des 20. und 21. Jahrhunderts z.B. dass Wolfgang Schäuble 2014 mit illegalen Steuermillionen aus Waffengeschäften mit Saudi-Arabien bei Sepp Blatter von der FIFA den Weltmeistertitel für Deutschland eingekauft hat, während Putin im Gegenzug dafür als Schweigegeld die Krim bekam, weil der KGB das mit die FIFA-Korruption schon längst vorher ausgecheckt hatte und dass David Bowie doch nicht tot ist, wie alle wichtigen Popstars ebnefalls nicht tot sind, obwohl es manchmal so aussieht, sondern dass David Bowie zusammen mit Major Tom, Elvis, Kurt Cobain, Michael Jackson, Amy Winehouse und Osama bin Laden jetzt auf der dunklen Seite des Mondes lebt und Pink Floyd hört, worüber die verdammte Lügenpresse aber nicht berichten darf, weil es ein Deal war, den die Amerikaner mit Al Quaida hatten, Osama Bin Laden mit einem Space Shuttle auszufliegen, statt ihn zu töten, damit nicht auffliegt, dass er als V-Mann auf der Gehaltsliste des CIA von MONSANTO und vom MOSSAD stand, aber weil die Chinesen davon Wind bekamen, durften sie im Gegenzug Tibet okkupieren, schon vor 60 Jahren, um dort jetzt Fracking und Genozid zu betreiben an den Tibetern und noch schlimmere Sachen als Guantanamo, obwohl es Guantanamo nie gegeben hat, wie es auch Chatyn oder den Gulag nicht gegeben hat, was schon Väterchen Stalin wusste, oder dass Ärzte ohne Grenzen mittlerweile im Auftrag der UNO mit einer mobilen Sanitätsstation durch Pakistan fahren und unter dem Vorwand von POLIO-Schutzimpfungen dort heimlich alle muslimischen Männer zu sterilisieren versuchen, oder dass Barack Obamas Gehirn gehackt wurde, kurz nachdem er den Friedensnobelpreis gekriegt hat 2009, weil er eine Welt ohne Atomwaffen wollte, und dass Obama seither nur noch als ferngesteuerte Zombi-Marionette des heimlichen Weltherrschers rumrennt, dessen Namen natürlich keiner kennen darf außer das jüdische Finanzkapitals, ich sage nur Leman Brothers und dass die Hooligans, die Montagabend in Leipzig-Connewitz randalierten, sowieso alles verkleidete Polizisten aus Dresden gewesen sind, die auf der PEGIDA-Gehaltsliste von Lutz Bachmann stehen, den ein Scheich aus Katar seit Jahren finanziert, weil er Hitler so ähnlich sieht und Hitler ja bekanntlich die Juden alle nach Madagaskar verschifft hat… usw. usf.…“

Und während all diese krassen Theorien sich jetzt wirklich in alle Fasern meines vorurteils-entleerten Körpers ergießen, der in diesem Moment zum epilepsierenden Medium des verwirrten Weltgeistes geworden ist, und während alle diese Theorien jetzt wirklich in mir drin von meinen Mitochondrien in all ihren kulturellen Gebrauchszusammenhängen gegengecheckt und überprüft werden und während diese Verschwörungstheorien dann wirklich nach und nach einzeln die Kundalinischlange meiner Chakren aufsteigen, und mein Wurzelchakra dabei schreit: „Krass Krass Krass!“, und mein Solar-plexus dabei stöhnt: „Ich muss gleich wieder kotzen!“, und mein Herzchakra dabei murmelt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut!“ und mein drittes Auge dabei skandiert: „Mit dem dritten sieht man besser!“, beginnt dann wirklich abwechselnd mein Geweih rot und grün zu leuchten und dadurch die wahren von den falschen Verschwörungstheorien zu scheiden.

Und nachdem ich gefühlt 1001 Nacht weiter halluziniert habe, stoße ich endlich bis zur letzten und tiefsten Verschwörungstheorie dieses Universums vor, bis zur Urverschwörungstheorie des Abendlandes zumindest, die natürlich von einem Leipziger erfunden worden ist, was sonst, vor 300 Jahren von Gottfried Wilhelm Leibniz, und sie lautet: DOPPELPUNKT ich zitiere: „Wir leben in der besten aller möglichen Welten!“

Und indem ich sie ausspreche, wird auch diese Verschwörungstheorie durch alle Gebrauchszusammenhänge meines konvulsisch zuckenden Körpers geleitet, irgendwas in mir leuchtet immer heller und heller und explodiert vor sich hin in meinen Synapsen Spaghetti auslösend oder Fasching oder magic mushrooms oder konzentrische Kreise im Chakra zwischen meinen Augenbrauen oder zwischen Harry Potters Augenbrauen oder Meister Jodas Augenbrauen. – Fuck! wer ist es denn wirklich in mir, dem das alles geschieht?, denke ich, und dass sogar mein eigener Namen eine verdammte Verschwörungstheorie zu sein scheint bis in alle Monaden des Universums hinab, die ich nicht auflösen kann. Und mitten in der besten aller möglichen Welten schreie ich jetzt panisch vor Angst: „WER? BIN? ICH?“

Aber mit einem magischen Zucken ihrer rechten Augenbraue holt mich Natascha-Lou jetzt elegant auf unseren fliegenden Orient-Teppich der 1001 Tatsachen zurück. Es ist früh am Morgen, und wir sind direkt vor der Flüchtlingsunterkunft auf der Neuen Messe in Leipzig notgelandet.

„Wer bist du?“, fragt mich kleines Mädchen aus Aleppo, das mit seinem Gummiball unterm Arm erwartungsfroh herangelaufen kommt. „Harry Potter? Leibniz? Meister Joda oder doch Aladin mit der Wunderlampe?“

Und ich weiß nicht, was ich dem Kind antworten soll, und ich beginne zu weinen. Aber das Mädchen berührt mich sanft an der Schulter und zeigt mit der Hand nach unten auf den Teppich, auf dem Natascha-Lou und ich immer noch sitzen. Der Teppich ist von arabischen oder persischen Schriftzeichen übersät und das Kind liest mir in gebrochenem Deutsch diesen tröstenden Spruch des Sufimeisters Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rūmī aus dem 13. Jahrhundert vor: DOPPELPUNKT ich zitiere: „Niemand kennt unseren wirklichen Namen, bis wir unseren letzten Atemzug tun!“

Und Natascha-Lou sagt: „Jeder von uns ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung!“

Und ich sage: „Ich glaube, ich muss meine Figurenverwaltung mal überarbeiten!“ und beende diese Geschichte.