Verschwörungstheorie-Relaxing 2016 oder: „Einmal wie alle sein“

Manchmal denke ich, ich bin doch nicht Harry Potter, obwohl ich natürlich wirklich diese krasse Kindheit hatte irgendwo in der Provinz in Schönebeck/Elbe / Sachsen-Anhalt z.B., aufgewachsen in der Besenkammer einer falschen realsozialistischen Neubaublockwohnung des Typs WBS 70 bei meinen falschen realsozialistischen Eltern in der Moskauer Straße 17, und obwohl die Welt mittlerweile noch mehr aus den Fugen ist seit die Russen damals 1979 von Moskau aus in Afghanistan einmarschiert sind und die CIA den islamistischen Terror erfunden hat im Gegenzug, und obwohl ich wieder das Gefühl habe, dringend etwas tun zu müssen im Kampf für den Weltfrieden, weil gerade Weihnachten ist, und obwohl ich jedes Mal unvermittelt diesen Tocotronic-Song höre, wenn ich meinen Staubsauger anwerfe: „Pure Vernunft darf niemals siegen!“, tönt es aus dem Bauch des Staubsaugers, während er gerade die überzähligen Tannennadeln vom Fußboden schluckt und meine Kinder als Yedi-Ritter verkleidet um mich herum tanzen wie um den gefälschten Weihnachtsbaum und mit ihren Laserschwertern die dunkle Seite der Macht in mir bekämpfen – alles wie zukünftig in Band 8 von „Harry Potter“ beschrieben sein wird oder in StarWars Episode 8, ich bringe das alles immer durcheinander, was Prophezeiungen angeht, seit ich Hoghwarts verlassen habe oder Schönebeck/Elbe verlassen habe oder Sachsen-Anhalt und die Provinz verlassen habe damals und zur Tarnung jetzt dieses normale Leben führe in Leipzig-Plagwitz oder Leipzig-Connewitz, unter diesem Pseudonym Kurt Mondaugen also lebe mit Natascha-Lou Salomé und meinen X linksradikalen Kindern und mich auch an das Vermummungsverbot halte, so gut ich kann, sogar am 12. Dezember oder 24. Dezember übrigens, aber trotzdem: manchmal hoffe ich noch immer, ich wäre doch nicht der Weihnachtsmann oder doch nicht Harry Potter wenigstens, und ich wäre doch nicht auserwählt für diese geistigen Weltrettungsmissionen immer, und ich hätte doch nicht all diese verrückten Eigenschaften und Gedanken in mir drin, die mir das Schicksal auferlegt hat, und ich wäre eben doch wie alle, oder würde jedenfalls zumindest denken wie alle oder fühlen wie alle oder wenigstens Hobbies haben wie alle, in Ruhe vegan Karpfen-essen oder Bleigießen nackt im Elsterflutbecken in der Silvesternacht zum Beispiel, aber dann kommt doch wieder diese verdammte Eule ans Küchenfenster geflogen, alle Jahre wieder irgendwann in den Raunächten zwischen Weihnachten und den Heiligen Drei Königen und überbringt mir diesen verdammten Zettel mit dieser verdammten Botschaft aus der Anderswelt, vom Seelischen Weltrettungskomitee zum Beispiel, von der Globalen Antipsychatriebewegung oder von der Internationalen Schamanen-Vereinigung – was ja alles dasselbe ist irgendwie, denke ich manchmal.

Und heute ist es wieder soweit! – Aber es ist keine Eule diesmal, sondern ein Schwarm Krähen, der mir die Nachricht überbringt, nachmittags beim Silvesterspaziergang mit Natascha-Lou und meinen Yedi-Kindern im Clarapark, gerade als wir über die Sachsenbrücke schlendern, ein Schwarm Krähen wie gesagt, der plötzlich direkt über mir auftaucht und einen Schiss auf mich runterfallen lässt – und dann noch einen Schiss und noch einen und noch einen… Und meine Mütze und meine Jacke sehen nach wenigen Sekunden aus wie ein einziges kalligrafisches Schwarz-Weiß-Gewitter mit dieser hundertfachen Vogelschissen drauf, und meine Kinder freuen sich über das Attentat, und auch die Hippies auf der Brücke freuen sich und lächeln mich staunend an wie ein vorfristiges optisches Silvesterfeuerwerk. Nur Natascha-Lou steht nachdenklich neben mir und versucht wie immer, dem ganzen Geschehen einen höheren Sinn zu geben, denn sie kennt sich aus in der Zeichensprache der Vögel und arbeitet als Seelenvogelethnologin am Grassi-Museum für Völkerkunde inzwischen – knapp über Mindestlohn – und sie versteht sich auch darauf, in den Exkrementen von mitteleuropäischen Krähenschwärmen zu lesen, wenn‘s sein muss. Natascha-Lou inspiziert also die weißen Schriftkleckse auf meiner Bekleidung und sagt: „Kurt“, da steht: „Gott kann nur auf einer leeren Tafel schreiben!“

Klar, denke ich, irgend so ein verrückter Zen- oder Meister-Eckehart-Spruch aus dem Mittelalter, was sonst verdammt, wie jedes Mal, bevor es losgeht, ich soll leer werden oder so, und ich verstehe nicht gleich, was damit gemeint ist, sondern erst ein paar Stunden später, in der Silvesternacht als gegen drei Uhr früh der vegane Karpfen des Vorabends in konvulsischen Zuckungen wieder aus meinem Magen und meinem Mund herauszuschwimmen beginnt, zerlegt in seine mittlerweile reichlich weißweinmarinierten Einzelteile. Während ich also kotzend über der Kloschüssel hänge, begreife ich plötzlich, was es wirklich heißt, leer zu werden. Aber Natascha-Lou ist bei mir, ist zum Glück wie immer bei mir, während ich mich stundenlang übergebe und dann von Neujahr an bis zu den Heiligen drei Königen beinahe eine Woche lang im Koma oder im Delirium liege, weil mein Körper sich wehrt gegen seine neue Bestimmung, klar, wie Harry Potter sich auch jedes Mal wehrt, eine neue Aufgabe anzunehmen, wenn er sie gechannelt bekommt von Meister Joda – oder wie dieser krasse Lehrer-Typ aus Hoghwarts heißt –, mal abgesehen davon, dass ich ja selbst Harry Potter bin, in meinem Fieberwahn hätte ich es schon beinahe vergessen, halluziniere ich, während Natascha-Lou mir das schwitzende Gesicht abwischt, mich küsst und „Hingabe! Hingabe!“ in mein Ohr murmelt, und tatsächlich: Irgendwann wehre ich mich nicht mehr, es ist Dreikönigstag und meine Chakren beginnen wie von selbst zu leuchten, und ich fühle mich wirklich leer wie eine Tafel zur Neubeschreibung für Gott oder das Universum. Und Natascha-Lou sagt: „Na geht doch!“

Weil ich völlig entkräftet bin, flößt mir sie fix einen Zwieback und eine Tasse Kamillentee ein, schiebt mich aus der Wohnung und schleust uns in der Abenddämmerung heimlich, ins das Schaudepot des Völkerkundemuseums, wo irgendwo zwischen ausgestopften Vögeln und Voodoopuppen im 13. Kellerzimmer ihr Arbeitsplatz liegt, und wo sie im Handumdrehen ein tuwinisches Schamanenkostüm mit schwarzen Krähenfedern von einem Kleiderbügel zerrt und mir überwirft. – „So, jetzt kann die wirkliche Botschaft der Krähen in dich eindringen!“

PROPHEZEIUNGUnd ich schüttele die Reste des Schüttelfrostes der letzten Tage aus meinem Gefieder, bewege vorsichtig meine Krähenflügel, tapse leicht vor mich hin, und dann durchzuckt es mich! – Eine Sekunde später spüre ich, wie ich plötzlich mit meinem astralischen Krähenkörper knapp 20 Zentimeter unterhalb der Zimmerdecke schwebe. Und nun meldet sich tatsächlich das verdammte Seelen-Weltrettungskomitee chorisch sprechend irgendwo aus dem Off :

„Die Krähe verschmilzt Licht und Dunkelheit, indem sie die innere und die äußere Wirklichkeit gleichzeitig sieht! – Kurt, Ähem Harry, wir haben einen Auftrag für dich, wir haben sogar einen besonderen Auftrag für Dich, einen, den nur Du bewältigen kannst! Du wirst für uns ins Geisterreich der Verschwörungstheorien reisen und 2016 endlich wieder die Wahrheit in die Welt zurückholen. Wir kennen uns da inzwischen selber nicht mehr aus mit diesem ganzen Verschwörungstheorie-Zeug, es ist einfach zu krass geworden die letzten Jahre, und wir kriegen hier alle noch Paranoia, wenn das so weitergeht! Dein Auftrag ist gefährlich, du kannst echt verrückt werden dabei – also wir meinen: noch verrückter, als Du jetzt schon bist, aber… aber Du kannst es auch schaffen, die Chancen stehen 90 : 10 – gegen Dich! Yap & Go!“

Und als ich mit meinem Krähenmantel von der Zimmerdecke wieder heruntergesegelt bin erläutert mir Natascha-Lou meine Aufgabe genauer:

„Die Leute vom Weltrettungskomitee wissen nicht mehr, welche Weltverschwörungstheorie nur eine Theorie und welche echt ist, seit Edward Snowden als Doppelagent für den KGB und die NSA und/oder für Beate Tschäpe, und/ oder für Volkswagen unter dem Tarnnamen Mata Hari oder Barack Obama das Handy der deutschen Kanzlerin abgehört, ihr Gehirn oder das Gehirn von Lutz Bachmann oder Baschar al Assad gehackt und damit die Flüchtlingskrise ausgelöst hat, um das Abendland oder wenigstens Dresden oder die Ukraine an die Wand zu fahren oder vom IS oder Putin unterwandern zu lassen oder das Gegenteil davon zu verwirklichen und TTIP oder Klimawandel oder wenigstens Krieg auszulösen in den Köpfen. – Nein in echt jetzt: Seit Edward Snowdens Enthüllungen, weiß niemand in dieser Welt mehr wirklich mit Gewissheit, wem man glauben soll und was noch die Wahrheit ist, was von alle dem, was die Leute da draußen schon immer befürchtet haben, eine reale Verschwörung in der Welt darstellt, und was nur eine bekloppte Verschwörungstheorie, respektive, wem wirklich vernünftiger Weise noch zu trauen oder zu helfen ist und wem nicht. Und Du, Kurt-Harry, sollst es jetzt herausfinden! Ehe die Welt 2016 noch komplett irre wird und wirklich alles den Bach runtergeht. Du bist die letzte Hoffnung des Universums, oder wie dein Staubsaugen immer sagt: Pure Vernunft darf niemals siegen, aber Pure Unvernunft auch nicht!

Natascha-Lou hat meinen Krähenmantel mittlerweile gegen ein Büffel-Schamanenkostüm aus dem Altai ausgetauscht und mich raus aus dem Keller auf die nächtliche Prager Straße gezerrt. Dort schaut sie mich jetzt erwartungsvoll an. Ich atme also noch dreimal tief ein und dann flüstere ich: „O.k., also: was soll ich jetzt tun?“

LSK MB Januar 2016

„Sieh! Was! Da! Ist!“ flüstert meine wunderbare Freundin.

Und ich sehe mich also wirklich erstmal um, was da ist. Und was da ist, ist ein schwarzer VW-Tuareg mit garantiert gefälschten Diesel-Abgaswerten, der an der Ampel wartet, und dessen Fahrer ich im nächsten Augenblick schon mit einen martialischen Schamanenschrei aus der Wagentür zerre, und dann selbst ans Steuer jumpe, während Natascha-Lou schon auf der andern Seite den Beifahrersitz entert, und wir reifenquietschend und voll Bonny&Clyde-mäßig davonjetten. Und Natascha-Lou schmeißt gleich mal den Navy aus dem Fenster: „Wir werden garantiert schon vom BND verfolgt, aber niemand darf uns orten!“

„Und was jetzt?“ frage ich flehend, als wir drei Minuten später mit 120 Sachen, das Jaulen von einem Dutzend Streifenwagen hinter uns, auf der Ausfallstraße am Völkerschlachtdenkmal vorbei aus der Stadt donnern. „Hör was da ist!“ sagt Natascha-Lou und schaltet den öffentlich-rechtlichen Verkehrsfunk ein.

Ich hatte immer schon vermutet, dass die Leute aus der Anderswelt unsere GEZ-Gebühren dazu verwenden, um über unverdächtige Verkehrsmeldungen im MDR krass geheime Botschaften austauschen. Oder so was. Man muss nur genau hinhören. Und tatsächlich – diesmal ist eine geheime Nachricht für mich und Natascha-Lou dabei:

„Auf der A 4 Richtung Dresden kurz nach der Abfahrt Großpösna liegt ein orientalischer Teppich auf der linken Fahrspur, bitte fahren sie äußerst rechts und überholen sie nicht, bis die Gefahr vorüber ist!“

Fünf Minuten später sind wir schon an Ort und Stelle, lassen unseren gefälschten VW-Tuareg qualmend und blinkend auf der linken Spur zurück, entrollen mit einem zielsicheren Fußkick den Orient-Teppich und springen im Lotussitz auf die Matte – und tatsächlich: während schon eine Hundertschaft GSG 9 in Vollmontur aus Richtung Großpösna heranjoggt, erhebt sich der Teppich mit der magischen Kraft von 1001 Nacht und steigt, eine paar krasse im Mondlicht funkelnde Lines von Chemtrails hinterlassend, auf in das gefährliche Geisterreich aller verdammten Verschwörungstheorien dieser Welt.

Und ich fliege mit Natascha-Lou jetzt also wirklich jenseits der puren Vernunft, die niemals siegen darf durch alle Paranoia-Paradiese aller verwirrten Menschenhirne dieser Erde. – Und Natascha-Lou erklärt mir schon nebenbei meinen Job: „Kurt, du musst sie alle aufsaugen und durch dich durchlassen, diese ganzen Verschwörungstheorien, du musst sie durch alle Fasern und alle Meridiane deines Körper gleiten lassen, ums sie zu prüfen, von deinen Mitochodrien und Wurzelchakras beginnend bis hinauf in die Spitzen deines Schamanengeweihs – und am Ende wird die ganze Welt am Leuchten Deines Geweihs erkennen, welche Verschwörungstheorie stimmt und welche nicht. Und ich nehme das alles mit meiner Handykamera auf und streame es live auf dem Youtube-Kanal der UNO. Die ganze Welt wartet schon. Los jetzt!“

Und tatsächlich durchzucken sie mich jetzt, all diese Verschwörungstheorien des 20. und 21. Jahrhunderts z.B. dass Wolfgang Schäuble 2014 mit illegalen Steuermillionen aus Waffengeschäften mit Saudi-Arabien bei Sepp Blatter von der FIFA den Weltmeistertitel für Deutschland eingekauft hat, während Putin im Gegenzug dafür als Schweigegeld die Krim bekam, weil der KGB das mit die FIFA-Korruption schon längst vorher ausgecheckt hatte und dass David Bowie doch nicht tot ist, wie alle wichtigen Popstars ebnefalls nicht tot sind, obwohl es manchmal so aussieht, sondern dass David Bowie zusammen mit Major Tom, Elvis, Kurt Cobain, Michael Jackson, Amy Winehouse und Osama bin Laden jetzt auf der dunklen Seite des Mondes lebt und Pink Floyd hört, worüber die verdammte Lügenpresse aber nicht berichten darf, weil es ein Deal war, den die Amerikaner mit Al Quaida hatten, Osama Bin Laden mit einem Space Shuttle auszufliegen, statt ihn zu töten, damit nicht auffliegt, dass er als V-Mann auf der Gehaltsliste des CIA von MONSANTO und vom MOSSAD stand, aber weil die Chinesen davon Wind bekamen, durften sie im Gegenzug Tibet okkupieren, schon vor 60 Jahren, um dort jetzt Fracking und Genozid zu betreiben an den Tibetern und noch schlimmere Sachen als Guantanamo, obwohl es Guantanamo nie gegeben hat, wie es auch Chatyn oder den Gulag nicht gegeben hat, was schon Väterchen Stalin wusste, oder dass Ärzte ohne Grenzen mittlerweile im Auftrag der UNO mit einer mobilen Sanitätsstation durch Pakistan fahren und unter dem Vorwand von POLIO-Schutzimpfungen dort heimlich alle muslimischen Männer zu sterilisieren versuchen, oder dass Barack Obamas Gehirn gehackt wurde, kurz nachdem er den Friedensnobelpreis gekriegt hat 2009, weil er eine Welt ohne Atomwaffen wollte, und dass Obama seither nur noch als ferngesteuerte Zombi-Marionette des heimlichen Weltherrschers rumrennt, dessen Namen natürlich keiner kennen darf außer das jüdische Finanzkapitals, ich sage nur Leman Brothers und dass die Hooligans, die Montagabend in Leipzig-Connewitz randalierten, sowieso alles verkleidete Polizisten aus Dresden gewesen sind, die auf der PEGIDA-Gehaltsliste von Lutz Bachmann stehen, den ein Scheich aus Katar seit Jahren finanziert, weil er Hitler so ähnlich sieht und Hitler ja bekanntlich die Juden alle nach Madagaskar verschifft hat… usw. usf.…“

Und während all diese krassen Theorien sich jetzt wirklich in alle Fasern meines vorurteils-entleerten Körpers ergießen, der in diesem Moment zum epilepsierenden Medium des verwirrten Weltgeistes geworden ist, und während alle diese Theorien jetzt wirklich in mir drin von meinen Mitochondrien in all ihren kulturellen Gebrauchszusammenhängen gegengecheckt und überprüft werden und während diese Verschwörungstheorien dann wirklich nach und nach einzeln die Kundalinischlange meiner Chakren aufsteigen, und mein Wurzelchakra dabei schreit: „Krass Krass Krass!“, und mein Solar-plexus dabei stöhnt: „Ich muss gleich wieder kotzen!“, und mein Herzchakra dabei murmelt: „Man sieht nur mit dem Herzen gut!“ und mein drittes Auge dabei skandiert: „Mit dem dritten sieht man besser!“, beginnt dann wirklich abwechselnd mein Geweih rot und grün zu leuchten und dadurch die wahren von den falschen Verschwörungstheorien zu scheiden.

Und nachdem ich gefühlt 1001 Nacht weiter halluziniert habe, stoße ich endlich bis zur letzten und tiefsten Verschwörungstheorie dieses Universums vor, bis zur Urverschwörungstheorie des Abendlandes zumindest, die natürlich von einem Leipziger erfunden worden ist, was sonst, vor 300 Jahren von Gottfried Wilhelm Leibniz, und sie lautet: DOPPELPUNKT ich zitiere: „Wir leben in der besten aller möglichen Welten!“

Und indem ich sie ausspreche, wird auch diese Verschwörungstheorie durch alle Gebrauchszusammenhänge meines konvulsisch zuckenden Körpers geleitet, irgendwas in mir leuchtet immer heller und heller und explodiert vor sich hin in meinen Synapsen Spaghetti auslösend oder Fasching oder magic mushrooms oder konzentrische Kreise im Chakra zwischen meinen Augenbrauen oder zwischen Harry Potters Augenbrauen oder Meister Jodas Augenbrauen. – Fuck! wer ist es denn wirklich in mir, dem das alles geschieht?, denke ich, und dass sogar mein eigener Namen eine verdammte Verschwörungstheorie zu sein scheint bis in alle Monaden des Universums hinab, die ich nicht auflösen kann. Und mitten in der besten aller möglichen Welten schreie ich jetzt panisch vor Angst: „WER? BIN? ICH?“

Aber mit einem magischen Zucken ihrer rechten Augenbraue holt mich Natascha-Lou jetzt elegant auf unseren fliegenden Orient-Teppich der 1001 Tatsachen zurück. Es ist früh am Morgen, und wir sind direkt vor der Flüchtlingsunterkunft auf der Neuen Messe in Leipzig notgelandet.

„Wer bist du?“, fragt mich kleines Mädchen aus Aleppo, das mit seinem Gummiball unterm Arm erwartungsfroh herangelaufen kommt. „Harry Potter? Leibniz? Meister Joda oder doch Aladin mit der Wunderlampe?“

Und ich weiß nicht, was ich dem Kind antworten soll, und ich beginne zu weinen. Aber das Mädchen berührt mich sanft an der Schulter und zeigt mit der Hand nach unten auf den Teppich, auf dem Natascha-Lou und ich immer noch sitzen. Der Teppich ist von arabischen oder persischen Schriftzeichen übersät und das Kind liest mir in gebrochenem Deutsch diesen tröstenden Spruch des Sufimeisters Dschalāl ad-Dīn Muhammad ar-Rūmī aus dem 13. Jahrhundert vor: DOPPELPUNKT ich zitiere: „Niemand kennt unseren wirklichen Namen, bis wir unseren letzten Atemzug tun!“

Und Natascha-Lou sagt: „Jeder von uns ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung!“

Und ich sage: „Ich glaube, ich muss meine Figurenverwaltung mal überarbeiten!“ und beende diese Geschichte.

 

 

 

 

Lesebühne Schkeuditzer Kreuz – Abschied vom Plan B / oder: Shit-In or out

Kolonnadenstraße_GedichtEs ist dienstagfrüh kurz vor zehn. Gestern Abend haben uns die Jungs vom Plan B gemailt, dass sie ihren Laden im Dezember dichtmachen müssen. Der Hausbesitzer hätte die Miete und die Betriebsauflagen so drastisch angezogen, dass ihnen gar nichts anderes übrigbliebe.

„Fuck“ rufe ich also zur Begrüßung, als ich jetzt unseren vietnamesischen Stammtisch-China-Imbiss in der Kolonnadenstraße zum Lesebühnen-Notfall -Frühshoppen betrete.

– „Fuck“ grüßt Andrè zurück, der noch in der Nacht per Regionalbahn aus Brüssel angereist ist, und bestellt mir per Handzeichen drüben am Tresen ein Sternburg und eine Portion gesottenen Hund, den ich seit zwei Jahren immer reflexhaft zum Frühstück verspeise, seit mir der Pitbull einer früheren Arbeitgeberin reflexhaft zwei Zentimeter neben die Halsschlagader gebissen hat, und zwar in genau dem Moment, als ich bei einem Gedankenaustausch mit der Chefin einmal vorsichtig probiert hatte, das Thema Mindestlohn ansatzweise auch in Zusammenhang mit meinem eigenen Job ins Gespräch zu bringen.

„ – So ist das im Kapitalismus: Fressen oder gefressen werden!“, sage ich seufzend, als ich zwei Minuten später wirklich wie jeden Morgen in meinen dampfenden gesottenen Hund beiße, während mit den Worten „Fuck!“ „Fuck!“ und „Fuck Hornisschen!“ nun auch Hauke, Franzi und Julius das Lokal entern.

„Zur Hölle mit dem Gentrifizierungsscheiß“ murmelt Hauke, als er sich zu uns setzt, und Julius ergänzt: „Peace!“, und Franzi schüttelt sich und sagt: „Kurt, ich kann da immer noch nicht hin sehen, wenn du gesottenen Hund ist!“ – „Fressen oder gefressen werden,“ antworte ich mit vollem Mund kauend mein tägliches Morgen-Mantra und schlucke das Zeug runter. Schmeckt wirklich eklig eigentlich, aber was tut man nicht alles gegen das System, und dann eröffne ich offiziell unser Krisenplenum.

„Also Folks, wie ich die Dinge sehe, gibt es nur eine reale Option: Wir müssen dafür sorgen, dass das Plan B geöffnet bleibt. Ergo: wir müssen diesen Immobilienbesitzer zur Vernunft bringen, wie auch immer!“ Und dann erzähle ich, wie meine Connewitzer Hausgemeinschaft und ich das Problem unserer angedrohten Wohnmieterhöhung Anfang letzten Jahres ein für alle Mal gelöst haben: „Nämlich mit einem Shit-In!“

Julius, André, Hauke und Franzi schauen mich entgeistert an: „Mit einem Shit-Was?“ fragt Hauke, während André das Wort schon in sein i-Phone hämmert und googelt oder sicherheitshalber doch schon mal die Nummer vom psychatrischen Notdienst raussucht, während ich jedenfalls noch einmal in allen Einzelheiten nacherzähle, wie Arne, Micha, Helge, Dirk und ich mit unseren Connewitzer Freundinnen und Exfreundinnen und mit wiederum deren Freunden und Exfreunden und unseren insgesamt 24 in unterschiedlichsten Konstellationen geborenen Kindern eine Woche nachdem uns der Besitzer unseres alternativen Mietshauses, irgend so ein reiches Immobilien-Arschloch aus Bad Godesberg, Bad Honnef oder Baden-Baden, wie eine Woche also nachdem dieser bekackte Vermieter jedem einzelnen von uns eine Mieterhöhungsankündigung von 50 % Prozent per Einschreiben zugestellt hatte – mit der Begründung, dass Leipzig ja nun zum Glück eine prosperierende Stadt geworden sei und der Mietpreisspiegel es nun gottlob endlich hergebe –, wie wir eine Woche also, nachdem wir dieses verfickte Mieterhöhungs-Schreiben bekommen hatten, uns alle zusammen zehn Wochenendtickets der Deutschen Bahn gekauft hätten, und wie wir dann eines Samstagsfrüh um 5.13 Uhr zu Fünfzigst mit dem allerersten Regionalzug vom Bahnhof Connewitz losgefahren seien und irgendwann am frühen Nachmittag des selben Tages in Bad Godesberg oder Bad Honnef oder Baden-Baden angekommen wären, wo wir uns noch am Bahnhof jeder eine halbe Flasche Rhizinusöl reingepfiffen und uns dann eilig zu der krass protzigen Villa von unserem Hausbesitzer durchgefragt hätten. Und wie am riesigen Eingangstor des Grundstücks angekommen schließlich einer von uns die Klingel gedrückt hätte, während alle anderen gleichzeitig schon über den Zaun gesprungen wären, sich an der ganzen Vorderfront der Villa entlang verteilt und ihre Hosen runtergelassen hätten, und wie wir dann genau in dem Moment, als das Immobilien-Arschloch fassungslos aus seiner marmorweißen Villentür getreten sei, wie wir in genau diesem Moment auf Kommando alle zusammen gleichzeitig in seinen verdammten Vorgarten geschissen hätten, Kinder und Frauen inklusive. – „Mann, Ihr hättet das Gesicht von dem Typen sehen sollen! – Und dann sind wir mit dem nächsten Regionalexpress einfach wieder zurück nach Connewitz. Und ich sage Euch: Seit dem Tag war echt Ruhe mit dem Thema Mieterhöhung bei uns im Haus! Und selbst die Betriebskostenabrechnung hat letztes Jahr erstmals jedem einzelnen von uns mindesten zwei Hunnis an Bonus-Rückzahlung in die Weihnachtskasse gespült.“

„O…kay!“ sagt Julius.

„O…kay!“ sagt Hauke.

„O…kay!“sagt Franzi.

„Shit In“ also“ sagt André, während er noch den entsprechenden Wikipedia-Eintrag auf seinem i-Phon scannt, und alle vier nicken dabei wie hypnotisiert, aber dann finden sie es doch irgendwie insgesamt zu krass oder zu hippie-mäßig oder zu sixties, und außerdem müsste man die Aktion ja auch noch mit den Plan B-Leuten abstimmen und „Shit in“ sei vielleicht doch nicht so jedermanns Sache.

Von Connewitz lernen, heißt siegen lernen!“ mache ich einen letzten Versuch, meine punk-anale Guerillataktik als Vorschlag bei meinen Lesebühnen-Kollegen doch noch durchzubringen, aber spätestens als mir Hauke beruhigend seine Bademeisterhand auf die Schulter legt, weiß ich, dass es Zeit ist, über andere Alternativen nachzudenken .

Und tatsächlich sagt André: „Also Leute, auf der Herfahrt heute Nacht hab ich mal so ‘ne Art Location-Such-Software entwickelt, mit der wir in Null komma Nix einen neuen für uns passenden Laden finden werden, garantiert! Also: buchstabiert Eure Wunschkriterien und ich geb‘ sie ein.“

– „Also 200 Leute sollten schon reingehen in den Laden, wie ins Plan B“, sagt Franzi,

„Und es soll möglichst innenstadtnah sein“, sagt Hauke, „oder wenigstens Schleußig, wegen dem Kind und so“.

„Und Hauptsache kein Kabarett!“ sagt Julius.

„Und Enter“ sagt André und sein i-Phon rödelt ungefähr einen Minute bedenklich laut vor sich hin. Dann spuckt das Display eine Liste mit 20 möglichen Lokalitäten aus. Auf der Empfehlungsliste ganz oben steht aus irgendeinem Grund die Kongresshalle am Zoo. André stellt den Lautsprecher seines Handy auf Maximum und klingelt gleich mal durch…

Eine Männerstimme mit schwäbischem Akzent meldet sich: „Ähm ja. Da hä’n wir tatsäschlisch – gar ka Problemle mit 200 Sitzplätzle… Äh die Konditione? I schau mal ins List-le. – Da isches: Nur 4000 Euro Saalmietele plusch 200 Eurole für die Security plusch 200 für den Bühnenaufbau, nur die Teschnik müschtet Ihr natürlisch selbscht mitbringle…“

André schaltet abrupt das Gespräch ab und räsoniert: „Klingt ja voll günstig: wenn wir von jedem Besucher 20 Euro Einritt nehmen, haben wir bei 200 zahlenden Gästen ja schon mal voll die vier Tausender für die Saalmiete drin, und wenn wir uns dann noch Mikrofone und Verstärkeranlage günstig über ’n paar Freunde besorgen, dann kämen wir mit nur 400 Euro Schulden pro Abend raus. – Krass!“

– „Krass“ antworten ich und die anderen im Chor.

Bei drei weiteren Telefonaten mit den nächsten Locations, die auf Andrés Display stehen, ist wundersamer Weise immer wieder dieselbe schwäbische Männerstimme dran ist, und sie nennt immer höhere Phantasiepreise für die jeweiligen uns interessierenden Lokalitäten plus Security und Bühnenaufbauten. Dann geben wir entnervt auf.

– „Das ist so was wie ein Hedgefond, glaub ich!“ meint Julius, „Das sind dieselbe Typen, die gerade das Plan B platt machen wollen. Lehman Brothers oder Schwaben-Brothers oder wie sie sich neuerdings nennen. Die haben mittlerweile die halbe Stadt aufgekauft, diktieren die Saalpreise und zerstören alle Freiräume für die Leipziger Kultur – Fuck!“

Wir schweigen ratlos. Zwei Minuten, Fünf Minuten, Zehn Minuten!

„Kein Kapitalismus!“ murmele ich schließlich, und André nickt und tippt: ,Kein Kapitalismus!“ als zusätzliches eingrenzendes Suchkriterium in sein i-Phon. Das Silikon rödelt eine Weile vor sich hin, schließlich hat sich die Trefferliste auf dem Display von 20 auf 4 reduziert. Als potentielle Lesebühnenorte werden jetzt nur noch angezeigt:

  1. Der Neubau der katholischen Kirche am Innenstadtring,
  2. Eine Salafisten-Moschee in Gohlis, die von einem ehemaligen Gangsta-Rapper aus Berlin betrieben wird
  3. Ein Punkladen irgendwo JWD in Leutzsch
  4. Das Vereinslokal von Lok Leipzig am Bruno-Plache-Stadion,

Wir starren fassungslos erst auf Andrés Handy und dann auf André selber. Der zuckt nur mit den Schultern. „Was kann ich dafür, s’ is die Wahrheit?! Wir sollten uns die Läden mal anschauen. Echt, einfach mal ohne Vorurteile anschauen…!“

„Okay“ sagt Franzi.

„Okay“ sage ich.

„Okay“ sagt Julius.

„Also katholische Kirche ist mir jetzt echt zu trashig.“ sagt Hauke.

– „Okay, streichen wir katholische Kirche, wär eh nicht mein favourite gewesen!“ meint André lapidar und kippt sein Bier hinter. Ich stopfe den letzten Rest gesottenen PitBull in mich rein und schon verlassen wird alle fünf das Lokal Richtung nächster Straßenbahnhaltestelle. Wir kaufen eine LVB-Gruppen-Tageskarte für Touristen – eine Investition in die Zukunft – wie André im felsenfesten Vertrauen auf seine Handy-Software meint, und schon beginnt unsere Location-Aus-check-Reise – nach… Gohlis.

An der Salafisten-Moschee, einer umfunktionierten alten Lagerhalle aus den 60ern, empfängt uns bereits der Imam. Er sieht noch immer ein bisschen aus wie ein Gangsta-Rapper, aber auch ein bisschen wie eine Mischung aus Ayatollah Chomeni und – na, ja – Hauke, und er sagt: „Salam aleikum, Brothers, also das mit der Lesebühne kann ick mir echt jut vorstellen, Alter, wir müssen eh neue Zielgruppen erschließen, Peace. Kommt einfach zum nächsten Freitagsgebet vorbei, und wir machen mal ne Probelesung, wie ihr hier so ankommt bei meinen Leuten!“

„Ähm, nee“ sagt André – „wir wollten eigentlich nur mal die Lagerhalle von innen sehen und schauen, ob wir da jeden dritten Freitag im Monat abends unser eigenes Ding machen können, Scheuditzer Kreuz und so…“

„Ah ja Brothers, fastehe, jeht schon klar, wir werden uns schon einig! – Kommt erstma rin! – Hier lang, Piepels!“ – Und er führt uns durch den Eingangsbereich und durch die Waffenkammer seines Tempels („Nicht erschrecken, die Kalschnikows haben uns unsere saudischen Brüder nur zur Selbstverteidigung gegen den Gohliser Legida-Mob geschickt letzte Woche.“) bis wir schließlich im großen Moscheeraum stehen. Überall orientalische Teppiche – an den Wänden, auf dem Fußboden, auf der Bühne, auf der Verstärkeranlage, selbst um die Mikrofonständer sind schrille Sufi-Teppichmuster gewebt.

. „Und die Bestuhlung?“ fragt Franzi, die als erste die Sprache wiederfindet.

– Ayatollah Chomeni zeigt auf die ungefähr tausend bis an die Decke gestapelten Sitzkissen an der Rückwand.

„Cool“ murmele ich. „Und was sind die Konditionen? Ich meine: wieviel soll‘s kosten?“ – „Nix“, sagt der Imam.

„Und gibt’s sonst irgend n Haken?“ fragt Hauke.

Der Imam schaut uns irritiert an.

„Hauke meint: Müssen wir sonst irgendwas beachten? Frauen, Alkohol, Zigaretten und so?“ präzisiert Julius die Frage.

Imam Ayatollahs Gesichtszüge entspannen sich: „Ah kein Problem, wir sind da total relaxt mittlerweile – Frauen ohne Kopftuch – kein Problem – Alkohol: kein Problem, machen wir in der Waffenkammer einfach kleine Bar und spenden die Einnahmen für die Flüchtlingshilfe – O.k.? – neue Zielgruppen wie jesagt, Piepels!“ Und der Imam lächelt, dann kriegt sein Gesicht doch noch einen leicht besorgten Ausdruck: „Nur um eins Brothers, muss ich Euch bitten…“ Er hält den Atem an, wir halten auch den Atem an, jetzt kommt das dicke Ende, denke ich. Und Imam Ayatollah flüsternd: „Wir sind leider, leider eine Nichtrauchermoschee, wegen der Waffenkammer und der Explosionsgefahr, Ihr versteht?!“ –

„Ooch, keen Problem!“, sagt André, „ – Das Plan B war ooch immer so ‘ne Art Nichtrauchermoschee! – Da jeh‘n wir zum Roochen einfach in der Pause vor de Tür!“

Wir verabschieden uns von Brother Ayatollah mit High Five, und Hauke sagt: „Wir melden uns!“

Zehn Minuten später sitzen wir schweigend und grübelnd in der Straba Richtung Leutzsch, um Location Nummer Zwei auszuchecken. Hier muss es sein, sagt André schließlich, als wir von der Endhaltestelle der Linie 7 noch eine halbe Stunde in Richtung Halle weitergelaufen und dann links in ein verfallenes Bahn- oder Industriegelände eingebogen sind: „Von Leutzsch lernen heißt siegen lernen!“ steht auf einem zerschlissenen schwarz-roten Banner über dem Eingangstor einer riesigen dunklen Halle. An der gegenüberliegenden Wand ist eine Art Bühne zu erkennen, in der Mitte der Halle ein Feuerplatz, an dem drei Punks auf Bierkästen sitzen und sich an den spärlichen Flammen eines brennenden Gummireifens wärmen. Der Rauch steigt geschmeidig zur Decke, in der wiederum ein mittelgroßer Dacheinsturz in der Mitte elegant als Rauchabzug dient. Einer der drei Punks rappelt sich hoch und kommt mit wiegenden Schritten und einem Sternburg in der Hand auf uns zu: „Hey Brothers“, sagt er, „Ich bin so was wie der Geschäftsführer von dem Laden hier, was kann ich für Euch tun? … – Ach ja, Lesebühne, krass! Hier seid Ihr richtig. – Schaut Euch einfach um – und wenn Ihr noch Fragen habt, ich sitze am Feuer wie gesagt…“

Der Geschäftsführer will mit seiner Flasche gerade wieder schwungvoll abdrehen, als Franzi fragt: „Und was ist mit der Bestuhlung?“

Der Typ weist lässig auf ein paar Stapel Bierkästen an den Wänden.

„Ähm – Und die Heizungsanlage?“ frage ich und ziehe frösteln die Schultern hoch. „Ich meine so ‘ne Lesung ist ja kein Punkkonzert, wo die Leute die ganze Zeit pogen, um sich warm zu halten!“

„Ooch – Keen Problem, da machen wir das Lagerfeuer hier in der Mitte einfach nur n bisschen größer. Passt schon!“ Mit diesen Worten zieht der So-was-wie-Geschäftsführer-Punk sein Sternburg auf Ex und trollt sich zum Feuer.

„Ja cool, wir melden uns, Peace!“ ruft Julius ihm hinterher und schon latschen wir – jetzt noch schweigsamer vor uns hingrübelnd – die halbe Stunde zur Endhaltestelle der Linie 7 zurück.

Zwei Stunden später stehen wir dann durchgefroren am anderen Ende der Stadt – im Vereinslokal von „Lok Leipzig“ hinterm Bruno-Plache-Stadion. Der Wirt heißt Denis, sagt: „Hey Brothers“ und zeigt uns freudestrahlend den Saal seines Vereinslokals.

Wir nicken ausdauernd, weil wirklich alles o.k. ist: Bühne o.k., Bestuhlung o.k., Verstärkeranlage o.k. – „Alles TipTop!“ sagt Denis! – Wir nicken noch ausdauernder als Denis beinahe schuldbewusst sagt, der Verein bräuchte leider so knapp 20 Euro Raummiete von uns pro Abend. Doch wir hören abrupt auf zu nicken, als Denis hinzufügt: „Es gibt da nur eine noch so eine Sache zu beachten…“

„Ooch ich weeß schon – das ist ‘n Nichtraucherlokal, keen Problem Alter!“, sagt André, „Geh’n wir einfach vor die Tür zum Rauchen! Das haben wir dem Imam auch schon gesagt!“

„Welchem Imam?“ fragt Denis entgeistert.

„Ach egal“, unterbricht Hauke geistesgegenwärtig, „Also welches Sache gibt es für uns zu beachten: Müssen wir alle vorher bei LEGIDA eintreten oder was?!“ Hauke Augenbrauen ziehen sich bedrohlich zusammen.

„Nee“ sagt Denis „so krass is‘ es jetz‘ echt nich‘!“

„Na spuck’s schon aus!“ sagt Julius.

„Jeder von Euch muss von jetzt an immer rotierend mal den Stadionsprecher machen, wenn Lok Heimspiel hat. Der Verein will neue Zielgruppen erschließen!“

„Hm“ sagt Julius.

„Hm!“ sage ich.

„Hm“ sagt Franzi.

„Hm“ sagt Andre „– geht leider nicht, bin schon Stadion-Sprecher bei Fortuna Brüsseldorf, Standard Lüttich und Arsenal London.“

Und Hauke sagt: „Denis, wir melden uns!“ und zerrt uns aus dem Lokal.

Der Tag neigt sich dem Abend zu und die nächste Bahn bringt uns ernüchtert zurück in unseren China-Imbiss in der Kolonnadenstraße. Ich bestelle aus Verzweiflung noch eine weitere Portion gesottenen Hund, und die anderen bestellen Bier, Club Mate oder eine Tüte Glückskekse.
„Vielleicht sollten wir das mit dem Shit-in doch mal ausprobieren?!“ frage ich in die Runde – schon mit so einem leicht irren Funkeln in den Augen.

„Kurt, Schluss jetzt“, sagt Franzi entschieden und beißt auf ihren Glückskeks. Dann zieht sie den zusammengerollten Zettel mit dem Tagesmantra zwischen den Zähnen hervor und liest laut: „Wenn die Schatten am längsten sind, müsst Ihr Eurem Namen folgen! – Versteht einer von euch was der Spruch bedeutet?“

Hauke, Julius und Andre schütteln den Kopf.

„Kurt, du kennst dich doch mit Schamanismus-Orakel aus, was bedeutet der Spruch?!“

Aber ich komme nicht mehr dazu zu antworten, denn in diesem Moment erblickt Franzi draußen vorm Fenster einen vorbeieilenden Junkee auf dem Weg zum Stoned, der in der roten Abendsonne einen unendlichen Schatten hinter sich her zieht, worauf Franzi triumphierend ausstößt: „Boys – ich hab‘s: Wir müssen uns noch heute Abend dahin aufmachen, wo unser Ursprung ist; das heißt: wo der Ursprung unseres Namens ist, meine ich: Am Schkeuditzer Kreuz werden wir die Antwort finden.“

Wir starren alle irritiert ins Leere, aber da keiner eine Alternative weiß, fahren wir tatsächlich mit der nächsten Straßenbahn und unserem Gruppen-Tagestouristenticket der LVB bis nach Schkeuditz und stolpern dann, während es langsam stockfinster wird die letzten paar Kilometer über einen Rübenacker zum Schkeuditzer Kreuz. Wir stellen uns in eine der verdammten Autobahnkleeblatt-Inseln, und während neben uns der Verkehr durch die Nacht donnert beginnen wir vor Kälte und Verzweiflung schließlich schlotternd alle zusammen unsere verdammte Hymne zu singen:

Rausgeschmissen, angestrandet

im Autobahn- und Flugverkehr

steh’n wir hier im Rausch der Nächte –

und der Wind ist unser Frisör.

Auf dem Rollfeld unsrer Träume

tanzen wir irre hin und her –

und wir werden langsam durstig

und der Wind ist unser Frisör!

Schkeu-ditzer Kreuz

Schkeu-ditzer Kreuz…

 

Bei Kaffee, Sternburg oder Cola

Goldi, Krosti, Kirschlikör –

schau’n wir ins Glas und können fliegen

und der Wind ist dabei unser Frisör!

Dreh’n Loopings verbal ohne Flugschein

existentialistisch eher

Textpiloten – in Gedanken

– aber der Wind ist unser Frisör!

Schkeu-ditzer Kreuz

Schkeu-ditzer Kreuz

 

Textpiloten – Text vergessen! –

Wir reimen weiter – revolutionär:

„Alles verändert sich, wenn wir uns verändern!“

Allein: Der Wind bleibt unser Frisör

Schkeu-ditzer Kreuz

Schkeu-ditzer Kreuz

 

Selbst wenn wir uns mal verhaspeln

schkeuditzerkreuz – schkeuditzerquer

einer gibt uns immer Peilung:

nämlich: der Wind – der ist unser Frisör!

Spürt auch Ihr mal eine Sehnsucht

und das Leben kommt euch quer

Dann werdet selber Textpiloten

heut nacht – und der Wind wird auch Euer Friseur!

am

Schkeu-ditzer Kreuz

Schkeu-ditzer Kreuz

                                   Schkeuditzer Kreuz!

 

Wir singen es ungefähr 100 mal hintereinander – alle Strophen. Bis wir uns selber nicht mehr hören können und noch weit darüber hinaus. – Das Schkeuditzer Kreuz scheint mittlerweile tatsächlich so eine Art Mantra oder Orakel geworden zu sein für uns, denken wir, als irgendwann weit nach Mitternacht ein arabischer Scheich aus Katar oder Kuwait mit einem achttürigen Rolls Royce am Straßenrand stoppt und uns anbietet, unsere Namensrechte aufzukaufen und die nächste Lesebühne Schkeuditzer Kreuz in Katar oder Kuwait auszurichten. Aber wir sind nicht die FIFA und auch nicht der DFB, er muss sich irren, sagen wir und schütteln den Kopf – und der Scheich zuckt nur die Schultern und sein Rolls Roys rauscht durch die immer eisigere Nacht davon und wir sind total kaputt und übernächtigt, aber irgendwann geht doch noch die Sonne auf überm Schkeuditzer Kreuz und eine gigantische Antonow 24 steigt vom Rollfeld des nahen Flughafens auf zum Firmament, und sie malt hinter sich mit weißen Chem-Trail-Kondensstreifen den Namensschriftzug einer ultimativen Lesebühnen-Location in den rot verschmierten Himmel…

„JA! DAS IST ES!“ skandieren wir alle gemeinsam. „JA! DAS IST ES!“

Und Ihr werdet es dann schon sehen!

2016!

 

Toaster, explodiert

Zaubererpaar_Holz

Mit dir in Toastern leben &

verglühen, die du mir schenktest

im Herbst

als die Stromnetze zusammen brachen

als die Erklärungen zusammen brachen

& wir hatten ja sonst nix als diesen

Fallschirm, der unser Bett war

(neben dem explodierenden Toaster)

und unser Frühstück

in Gedanken und Leidenschaften

wenn kein Toastbrot uns wärmte

danach zwischen den Schenkeln

diesen Morgen zu suchen

vor den Fenstern

eine Quersumme aus Licht und Bedeutung

die ausreichte für unser eilig und rot

verglühendes Leben

zwischen Küchengeräten

ohne gültigen TÜV

es war ja Herbst eben

und niemand sollte uns je fragen

woher es kam und was wirklich geschah

mit dem Toaster

oder dem Vier-Phasen-Fön von Eduscho

später

und warum wir es wussten

aus: Kurt Mondaugen: „LEIPZIG//NIRWANA“ Leipziger Literaturverlag 2015

und live am 27.10.2015 / 20 Uhr im Noch besser leben mit Frank Eismann (Klavier) und Irisa Andrea Müller (Text): „Wo wir wirklich sind: LIEBE und TOD“