Alles über Wald / Sommer 2018

 

wald und mondaugen

Hitze, Hitze, Hitze, dieser Sommer ist eine verdammtes Hitzenirwana und das einzige was einem bleibt, ist eine kleine Sommerdepression mit zugezogenen Vorhängen oder unter die Dusche zu gehen oder irgendwelche Geschichten zu schreiben, in denen diese Hitze nicht vorkommt, Geschichten, in die man endlose Regengüsse und Gewitterstürme zu therapeutischen Zwecken hineinschicken oder die einen zur Abkühlung tief in den Wald oder in den eigenen Schatten hineinführen wenigstens oder beides oder alles zusammen. Aber man schafft es nicht, man döst mitten im Schreiben immer wieder weg zwischendurch wegen der verdammten Hitze und die Texte, die in diesem Sommer 2018 entstehen, werden alle irgendwie porös, kriegen irgendwelche beinahe schamanistischen Leerstellen: Perforiertes Bewusstsein im Plot, unerklärliche Handlungsbrüche, das plötzliche Auftauchen und ebenso plötzliche Wieder-Verschwinden von Gegenständen, Dingen und Menschen, die in unserem Leben eine Rolle spielen oder eben keine Rolle mehr spielen und deren Verknüpfungen man sich als Leser oder Zuhörer dieser überhitzten Texte am Ende selber mit der eigenen Phantasie zusammen-imaginieren muss. Texte wie dieser hier  zum Beispiel entstanden in diesem delirierenden Sommer 2018:

 

Alles über Wald – Ein Hitzetrip in 7 Akten

 

Alles über Wald 1:

Sex und Drugs in den Fichten – Ein Gedicht

Schlaf mit den letzten Koniferen

Bevor der Waldbrand kommt

Und wenn du denkst, dass sie es wären

Und wenn du denkst, dass sie es wären

Schlaf mit den letzten Koniferen

Bis auch du so ein krasses Nadelkleid bekommst

 

Zeichen Dusche Wald_klein

Alles über Wald 2:

Wald als Eigenschaft

Eichen, Eschen, Erlen, Linden, Buchen, Fichten, Kiefern, Lärchen, Tannen

Die am meisten unterschätzte

Eigenschaft in uns allen

Ist Wald

Ist Waldboden voller Laub oder Kiefernnadeln

& ist eine waldige Kupfersaal-Festbeleuchtungs-Lichtung im Morgengrauen

Und ist Erinnern an endlos kühle Regenschauer

Unter den tropfenden Koniferen unserer Kindheit oder Jugend

In der Provinz

die wir jahrelang überdauerten

Mit Waldakrobatik und Dehnungsübungen,

und später mit erstem hilflosem Sex

zerstochen auf diesem Waldboden

von Mücken und Kiefernnadeln

gegen den waldumstandenen Horizont

der deutschen Provinz

und dabei groß wurden

irgendwo im Wald hinter Köthen oder Chemnitz

und selber benadelte Koniferen wurden und irgendwann

doch weggingen aus diesem Wald

in die große Stadt

um uns selbst besser kennenzulernen

oder um irgendwas mit Medien zu studieren

oder Popkultur erinnern wir uns

wie wir dem Wald leise

„Abschied“ sagten „- ist ein scharfes Schwert!“ –

mit einer zerkratzten Schallplatte aus dem Plattenschrank unserer Eltern

Roger Whittaker

damit er nicht traurig wäre

oder weggebaggert würde

dieser Heimat-Wald in der deutschen Provinz

inzwischen wegen der ganzen Braunkohle

ein paar Winter lang oder Jahrzehnte lang später

als wir dann nicht mehr zurückkehrten

und am Horizont der Großstadt vom Café Waldi aus zu sagen lernten,

mit einem Gin Tonic in der Hand

gechillt und semantisch reflektiert

zu sagen lernten – DOPPELPUNKT:

„Wald ist nur ein Wort

mit vier Buchstaben

so ähnlich wie GOTT!“

 

 

Alles über Wald 3:

Waldausflug oder In-die-Pilze-gehen – eine wahre Begebenheit

Wald ist nur ein Wort, denken wir, mit vier Buchstaben – so ähnlich wie GOTT – und nur auf Deutsch auszusprechen, ein deutscher Wald mit deutschen Gefühlen, denken wir in diesen Sommer im Bett liegend, meine Freundin Natascha-Lou und ich, in der Hitze unseres Zimmers, fünf Stockwerke über Plagwitz oder Connewitz oder Reudnitz bei 37 Grad im Schatten, und erinnern uns wehmütig zurück an den dunklen Wald unserer Kindheit, hinter Köthen oder Chemnitz. „Alles Gute kommt aus dem deutschen Wald“, sagen sie gerade in der Tagesschau in Chemnitz, mit arischer Blutlinie.

„Mit deutschen Gefühlen zurechtkommen bei dieser Hitze – auch dafür ist Wald ein Wort, murmle ich.

„Wie Hitze eigentlich auch nur ein Wort ist?“ – murmelst du – oder hoffst du vergeblich diesen ganzen Sommer lang, apathisch bei 37 Grad im Schatten, zusammen mit mir auf dem Bett dösend in der Gluthitze über Plagwitz oder Connewitz oder Reudnitz! Und es gibt doch einen Unterschied zwischen Worten und Wirklichkeit, und der trieft aus den Poren unserer transpirationsüberfluteten Körper

„Nur echter Wald kann uns vor Hitze schützen“, sage ich.

„… oder Duschen vielleicht auch?!“, sagst du.

„… und vor Sonnenbrand“, sage ich

„…aber nicht vor Waldbrand“, sagst du, „leider!“

… Bis wir dann doch noch einen Anruf von Freunden bekommen, ob wir bei der Hitze nicht mal mit raus aus der Stadt fahren wöllten: In die Pilze gehen! – Ein Vorschlag den wir gerne annehmen, Natascha-Lou und ich, ohne weiter drüber nachzudenken – Oder dann doch, aber da sitzen wir schon alle zusammen in diesem alten bunt angemalten Hippie-VW-Bus aus den 70ern mit all unseren auf ihren Handys zockenden Kindern, die wir nicht in die Schule geschickt haben, um sie nicht schon zu früh hinein zu sozialisieren in diese verdammte neoliberal-faschistische Leistungsgesellschaft – aber das ist ein anderes Thema.

„Wachsen bei dieser Trockenheit überhaupt Pilze im Wald?“ frage ich irgendwann dann doch noch nach zur Sicherheit, was allgemeine Erheiterung auslöst bei unseren Freunden, die doch schon ewig damit herumexperimentieren mit Fliegenpilzen und Magic Mushrooms und Ayahuasca-Ritualen, um ihr Bewusstsein zu erweitern oder die Hitze zu integrieren. Dann später angekommen in einem psychedelischen Waldstück irgendwo hinter Stahmeln oder Lützschena gehen wir wirklich in die Pilze und haben alle zusammen irgendwelche bildgewaltigen Hippie-Durchbrüche im Unterholz unseres Unterbewusstseins oder im Sternburg-Wald, wie wir ihn nennen, weil wir dann doch noch Bier nachgießen auf die Pilze und auf den psychedelischen Schreck, weil alles so blau aussieht plötzlich wie bei Neo Rauch in Bayreuth. Und unsere zockenden Kinder schauen jetzt doch mal kurz von ihren Smartphones hoch und mustern uns, als wären wir irgendwelche krassen Fabelwesen aus Harry Potter.

 

Alles über Wald 4:

Waldausflug – Fortsetzung mit Tieren

Einhörner sieht man jetzt immer seltener im Wald, höre ich mich sagen, es sei denn, man kommt an einen Waldsee und wir kommen bei unserer Pilzwanderung jetzt wirklich an einen Waldsee mit angeschlossenem Campingplatz bei Klein-Liebenau kurz vor der Autobahn, und wir sehen wie in einer Art magischer Prozession hunderte Rentner-Dauercamper zusammen mit ihren Enkelkindern hunderte aufblasbare Schwimmhilfen der Badesaison 2018 ins Wasser schieben: gigantische rosa Einhörner, die von dröhnenden Elektroluftpumpen angetrieben ihre Hälse vier, fünf, sechs Meter hoch in die Waldluft recken und dann über den See schwimmen – wirklich wie in Hogwarts.

„Wald ist immer ein Ausdruck der eigenen Gefühle“, sagt Natascha-Lou, und wir tauchen zwischen diesen ganzen Einhörnern und Rentnern und Kindern hindurch auf diesen Waldsee hinaus und die Sonne schmiert hoffentlich langsam ab, bete ich voll Inbrunst, und:

Ja meine Gefühle sind manchmal wirklich wie ein Wald, denke ich, den ich wegen der Hitze vor Bäumen nicht sehe oder mit meiner Kindheit verwechsle. Die Geschichte von Rotkäppchen zum Beispiel: Meine Mutter hat mich echt wegen meiner ganzen Locken schon mit drei Jahren als Rotkäppchen verkleidet zum Kindergartenfasching sozusagen in den Wald geschickt. – „Ach der Kleine sieht so süß aus!“ – Und mein älterer Bruder durfte als der böse Wolf gehen. – „Es gibt da ein Problem, tief in mir drin deswegen bis heute“, sage ich: „Ich bin ein Leben lang verwechselt worden. Eigentlich bin ich der Wolf!“

„Ja“, sagst du, „bei Wald kann es echt leicht zu Verwechslungen kommen, wie bei Nietzsche, denn Wald ist nicht gleich Wald – steht schon bei Wikipedia geschrieben“, sagt Natascha-Lou, „schon seit ein paar Jahrhunderten vor Christus – in Aramäisch, ich zitiere – DOPPELPUNKT: Es gibt Laubwald und Mischwald und Nadelwald und Regenwald, aber Regenwald leider nicht bei uns, zumindest nicht diesen Sommer. Und es gibt Eukalyptuswald, wo die Bonbons den Kindern in den Mund fallen, wenn sie nach oben gucken!“, flüstert Natascha-Lou verträumt und ihre Augen drehen sich erwartungsfroh gen Himmel … – umsonst.

„Und wusstet Ihr, der Wald ist jetzt neuerdings auch bei Youtube und hat einen eigenen Kanal, und er postet Dinge über sich, die man lieber nicht sehen möchte…“, sagen plötzlich unsere Hippie-Freunde von Friends of the Earth oder Greenpeace, „Waldsterben zum Beispiel und Brandrodung und Waldbrand! – Wald 007 – Bitte kommen! Wir haben einen Auftrag für Sie!

„Yo! COzwei“, sagt der Wald, „ist jetzt mein Ding, ich binde das überflüssige COzwei für Euch, damit nicht noch mehr Hitze kommt und Klimakollaps.

„Ja danke“, sagen wir, „danke, Wald!“ Und: wow!, denken wir: wir können plötzlich wieder echt: „Ja, danke“ sagen, so wie früher in unserer totalitären Kindheit. – Wald sei Dank!

und wir wundern uns ein bisschen über uns und was der Wald mit uns macht auf diesem nicht enden wollenden Wald-Pilz-Trip in diesem Sommer 2018.

Aber der Wald hat auch noch andere Tiere in sich drin als Wölfe und Einhörner, bemerkt Natascha-Lou später am Rand einer Lichtung, als die Sonne sich dann langsam doch noch bemüht, irgendwie unterzugehen.

„Ja, ja, das mit dem Untergehen kann man ja bei der Affenhitze schon mal kurz vergessen zwischendurch, sorry Alter“, schreit die Sonne, „Starrt mich mal bloß nicht alle so an!“

„Wir sind ja schon still!“, summen wir

„Summ Summ Summ“ –

Wie Waldbienen zum Beispiel auf Honigfang

 

 

Alles über Wald 5: Wald aus Bienen – ein Rettungseinsatz-Gedicht

Summ Summ Summ …

Und als wir den Bienen im Wald

ein neues Zuhause gaben

mit unseren Körpern

Ein neues zu Hause gaben

Und sie in uns hineinfliegen ließen

Und sie in uns hineinstechen ließen

Und kleine anaphylaktische Schocks auslösen ließen in uns

Um unsere Körper zu testen

Bevor noch der Winter kommt

Oder um unsere Kinder zu testen

Bevor noch der Winter kommt

Und wie sie darauf reagieren würden

wenn unsere Arme und Beine und Körper plötzlich

anzuschwellen begännen

wenn wir wie riesige anaphylaktische Ballone würden

die hinaustrieben bis in die Stratosphäre

und das Wetter beeinflussten

und das Klima beeinflussten

beim Durchstoßen der Cumuluswolken

mit ganz viel Bienen in uns drin

die wir retten wollten

vor Glyphosat, Bayer und Monsanto

oder dem Winter

der kommen wird

mit Apis C200

und diesem Gedicht

mitten im Wald

summ summ summ summen wir

in uns drin

wie fliegende Honigpumpen vor dem Bienensterben

Joseph Beuys sei Dank alles wird gut

Ein Rettungshubschrauber kommt.

 

 

Alles über Wald 6:

Sex und Drugs in den Fichten – Refrain, bitte kommen!

 

Und ich erwache in diesem dröhnenden Rettungshubschrauber, der knapp über die Baumkronen des Nördlichen Auwaldes Richtung Uniklinik jagt. Und meine Kehle brennt und mein Herz rast  und außerdem habe ich einen tierischen Ständer, und ich weiß auch nicht warum. Und Natascha-Lou hält meine zitternde Hand. –„S’waren wohl doch  ‘n bisschen viel Pilze für’s erste Mal“ flüstert sie, und sie wischt mir mit einem Tuch den heißen Schweiß von der Stirn und dann beginnt sie mit leisen Obertönen in der Stimme eine alte schamanistische Waldheilungs- und Hochzeitshymne aus dem deutschen Neolithikum zu performen. Und die geht so:

 

Schlaf mit den letzten Koniferen

Bevor der Waldbrand kommt

Und wenn du denkst, dass sie es wären

Und wenn du denkst, dass sie es wären

Schlaf mit den letzten Koniferen

Bis auch du so‘n krasses Nadelkleid bekommst

 

Schlaf mit den Erlen in den Sümpfen

Und mit den Eichen still auf Strümpfen

Schlaf mit den letzten Welteneschen

Schlaf mit den Fichten –  schnell vergessen

Bevor der Waldbrand kommt

Bevor der Waldbrand kommt

 

Schlaf mit dem Weißdorn in den Büschen

Schlaf mit Robinien voll Hornissen

Schlaf von mir aus mit den Linden

Wo wir uns immer wieder finden

Bevor der Waldbrand kommt

Bevor der Waldbrand kommt

 

Schlaf mit den Amseln in den Hecken,

Holundern die dich niederstrecken

Und mit Robinien ohne Namen

Mit Farnkraut und mit Nesselsamen

Mit Pilzen voller Transzendenz

Bevor der Waldbrand kommt

Bevor der Waldbrand kommt

Lalaaa-lalala!

Live is Live!

 

 

Alles über Wald 7:

 

„Geh in den deutschen Wald“,

sagte Mark Twain

„und du kommst als ein Anderer zurück!“

und:

„Wald ist wie Lesebühne

Nur krasser!“

Danke für alles nochmal

Wald – du mein Hitzeschild dieses Sommers…

 

 

(foto: kurt mondaugen/oliver baglieri)

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