Lametta first! Eine Weihnachtsgeschichte

Weihnachtsbaum_Bloch

Es ist Mitte Dezember, das Jahr geht zu Ende und meine Therapeutin Natascha-Lou Salomé und ich liegen postkoital sediert auf der Behandlungscouch ihrer tiefenpsychologischen Praxis fünf Stockwerke hoch über der rotweinverglühenden Innenstadt, während ein Sicherheitshubschrauber der Innenministerkonferenz dröhnend über unseren Seelen kreist.

„Zeit für ein Jahresfazit, Kurt“, sagt Natascha-Lou plötzlich über das Dröhnen hinweg.

Ich schlucke irritiert. Was meint sie mit „Jahresfazit“? – Und worauf soll es sich beziehen? – Auf meine Therapiesitzungen? Oder auf unsere Beziehung im Ganzen? Oder auf die Weltlage im Allgemeinen. Letzteres erscheint mir am unverfänglichsten: „Ja, sage ich, die Scheiß-AFD-Atzen! – Jetzt haben sie es tatsächlich in den Bundestag geschafft! Und Donald Trump brüllt jetzt auch jeden Tag lauter im Weißen Haus ins Rote Telefon. Und in der Ukraine ist immer noch Stellungskrieg an der Ostfront. Schrecklich!“

„Ja, schrecklich“, murmelt Natascha-Lou. Und dann erklärt sie mir, dass das alles irgendwie rein natürliche Ursachen hätte, irgendwelche Sonnenprotuberanzen, die die kosmische Hintergrundstrahlung verändert hätten, die wiederum auf die Neuronen in unser Gehirnen hier unten auf der Erde einwirken würde, die dadurch neu formatiert würden und manche Menschen hielten das eben nicht aus und wählten dann AFD oder Amerika first oder Russland first oder Ukraine first oder Kalifatstaat first jedenfalls.

Und ich sage „Aha“, und dass ich da selber stattdessen mehr so eine kulturelle Erklärung für das bekloppte Wahlverhalten der Leute und die politische Eskalation in der Welt hätte. „Es hat alles eher etwas mit fehlendem Lametta zu tun als mit den Sternen!“ sage ich.

„Mit fehlendem Lametta?“, fragt Natascha-Lou entgeistert. „Wieso mit fehlendem Lametta?“

Und mit Hilfe meines leuchtenden Stirnchakras (ANSCHALTEN) hypnotisiere ich Natascha-Lou flugs in unsere gemeinsame Kindheit in den silbernen 70ern zurück, als in ganz Deutschland, in Ost wie in West, ja in der ganzen Welt, an Heiligabend alle Weihnachtsbäume noch voll krass mit tonnenweise Lametta behängt waren und silbern glänzten und funkelten. „Und weißt du noch, Natacha-Lou, wie dieses silberne Funkeln damals tief in uns drin dieses entspannte Ich-fühle-mich-zu-Hause-Heimatgefühl ausgelöst hat. Und das ging damals allen Menschen unter allen lamettaverhängten Weihnachtsbäumen auf  der ganzen Welt so, den Atheisten, Marxisten, Muslimen und Rohinjas und Buddhisten aller Länder genauso wie den Katholiken und Orthodoxen. Sogar bei den Russen und Ukrainern und Amerikanern hat das Lametta damals dieses tiefenentspannte emotionale Heimatgefühl verbreitet, diese Gefühl, dass man wenigstens einmal im Jahr als Mensch in dieser Welt wirklich willkommen und angenommen und metaphysisch echt at home ist in diesem silbernen Lametta-Leuchtgeflimmer unterm Tannenbaum.“

Und während der Sicherheitshubschrauber der Innenministerkonferenz immer noch dröhnend über unseren Seelen kreist (und die Innenminister in diesem Moment bestimmt gerade wieder eine Verschärfung der Heimatschutzgefühlsgesetze beschließen) und während Natascha Lou dazu verwirrt mit dem Kopf nickt und mich ungläubig anstarrt, fahre ich mit meinem lamentierenden Lametta-Monolog fort:

„Und erinnerst du dich, wie die Welt noch in Ordnung war damals in den 70ern dank Lametta Entspannungspolitik angesagt. Aber dann irgendwann schleichend in den 80ern hat das alles begonnen zu erodieren. Es gab immer weniger Lametta auf den Weihnachtsbäumen Jahr für Jahr, Natascha-Lou, und erinnerst du dich, dass sie deshalb immer weniger in unsere Seelen hineinleuchteten diese Weihnachtsbäume in Ost wie in West damals und dieses silbern funkelnde Heimatgefühl deshalb nach und nach verloren ging in uns und die innere Geborgenheit auch. Und dann kam die Wiedervereinigung und der Neoliberalismus und dann 9/11 und Afghanistan und der Irakkrieg und Hartz IV irgendwann und die soziale Kälte und Depression als Massenphänomen und andere psychiatrische Probleme, schau nur mich an, Natascha-Lou. Und das alles, weil das verdammte Lametta auf den Weihnachtsbäumen verschwunden ist! Und 2013 hat dann sogar – völlig unbeachtet von der Öffentlichkeit – auch noch die letzte große Produktionsfirma für Lametta in Deutschland, die legendäre Epsteiner Stanniolfabrik schließen müssen – wegen fehlender Nachfrage. Und, macht es jetzt Click bei dir, Natascha-Lou?“

Aber meine Therapeutin schüttelt nur verstört mit dem Kopf, während der Sicherheitshubschrauber der Innenministerkonferenz dröhnend über unsere unverstandenen Seelen kreist.

„Na, es sind die Nazis und Rechtspopulisten, die daraus ihren Profit gezogen haben, aus diesem allgemeinen Lametta- und Heimatgefühlsschwund in der ganzen Welt. Und es ist eben kein Zufall, dass genau 2013 die AFD gegründet wurde, und ich will nicht ausschließen, dass die bei der Werkschließung der Eppsteiner Stanniolfabrik nicht sogar ihre Finger mit im Spiel hatten. Wegen des fehlenden Lamettas brüllen die Leute jetzt überall Deutschland erwache! oder Amerika first! Oder sie zetteln gleich irgendwelche bekloppten Kriege an in der Ukraine oder in Syrien, um wieder dieses Heimatgefühl zurück zu bekommen. Fickt euch! Man muss da einfach mehr Lametta hinliefern, sage ich immer. Statt Bomben schmeißen lieber Stanniol runterrieseln lassen, tonnenweise, am besten das ganze Jahr lang, damit der Irrsinn aufhört!“ Ich merke, ich habe mich in Rage geredet

Natascha-Lou schaut mich entgeistert an: „Das meinst du doch jetzt nicht ernst, Kurt – das mit diese Lametta-Theorie des Heimatgefühls.“

„Doch!“, sage ich. „Doch!“ rufe ich, „Doch!“, schreie ich, „Das meine ich verdammt Ernst! Genau dafür hab ich doch nun mal verdammte 17 Semester ohne Bafög und doppelten Boden Philosophie und Lamettawissenschaften studiert damals in den 90ern, dass ich die Welt damit erklären kann und dass ich den Durchblick habe, dass ich endlich den verdammten Durchblick habe, was das ganze Seelenlametta in uns drin und den Weltgeist angeht. Und John Cage und Ernst Bloch hatten es auch voll mit den Lamettafäden damals im letzten Jahrhundert. 1955 zum Beispiel saß dieser kommunistische Philosoph Ernst Bloch am Heiligabend in seiner Wohnung in Leipzig-Schleußig am Schreibtisch, kurz bevor er in den Westen ging, und starrte auf seinen silbern leuchtenden Tannenbaum und hielt dabei wie im Tagtraum ein paar beim Schmücken übrig gebliebene Lamettafäden zwischen den Fingern seiner linken Hand. Und plötzlich schrieb er, wie von magischer Hand geführt, die berühmten letzten drei Sätze seines verrückten Hauptwerkes „Das Prinzip Hoffnung“ auf – DOPPELPUNKT:

„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen wie Lametta in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

„So, so“ murmelt Natascha-Lou und schaut mich an, als wäre ich jetzt ein gesellschaftliches Sicherheitsrisiko und die Hubschrauber würden nicht wegen irgendwelcher durchgeknallter  Innenminister, sondern wegen mir hier dröhnend über der Leipziger Innenstadt kreisen. Und sie ist aufgesprungen und hat sich ihren weißen Behandlungskittel übergeworfen, greift nach dem Telefon und will gerade die psychatrische Notfallambulanz anrufen, da skandiere ich:

„O.k. jetzt hilft nur noch Lametta oder Rock n Roll oder ein Weihnachtslied oder alles drei‘s  zusammen“, und ich springe in meine Klamotten, fingere die letzte Packung original Epsteiner Staniol-Lametta aus meiner Hosentasche, die ich heute morgen bei Ebay ersteigert habe, reiße sie auf und lasse sanft ein paar bedeutungsschwangere Stanniolfäden über Natascha-Lous Haar rieseln. Dann öffne ich das Fenster und kippe den Rest des Lamettas in den Abendhimmel, wo es durch den Wirbelsturm der dröhnenden Hubschrauberrotoren flugs über die ganze rotweinverglühende Leipziger Innenstadt verteilt wird und auf die irritierten Weihnachtsmarktbesucher runterrieselt, während ich den Ghettoblaster von Natascha-Lous Praxis anschalte und auf volle Lautstärke ins Fenster stelle, und wo jetzt dieser krasse Lametta-Weihnachtsbaum-Song zu laufen beginnt und den Hubschrauberkrach übertönt, und ich und Natascha-Lou und die gesamte Leipziger Innenstadt singen wie im Karaokerausch mit:

 

Lametta-Song  oder: Wir sind alle wie Weihnachtsbäume

 

Behängt alles mit Lametta,

mit Lametta wirkt alles echt

Wer Lametta trägt und silbern leuchtet

Ist emotional voll versorgt und im Recht

 

Behängt alles mit Lametta

Dann kriegt alles im Leben einen neuen Sinn

Behängt alles mit Lametta

Dann wird alles nur halb so schlimm

 

Zum Beispiel sind wir alle wie Weihnachtsbäume

Und wir leuchten und wir sterben vermutlich jung

aber mit ein paar Streifen Lametta

bleiben wir uns alle wenigstens in Erinnerung

 

Lametta macht uns locker

Wie andere Kokain

Lametta ist das neue Lametta

Und es glitzert schon in uns drin

 

Lametta ist der Weg ins wahre Leben

Wie für andere Anarchie

Lametta lässt dich beim Tanzen voll ausrasten

Denn es leitet elektrische Energie

 

Und auch Diskokugeln sind voll elektrisch

Und auch das hat seinen Grund

Denn auch Diskokugeln sind aus Lametta

Und sie leuchten uns mit Mondlicht gesund

 

Tut Lametta drauf wo andere verzweifeln

Lametta ist wie Therapie

Lametta vertritt echt Eure Interessen

Weil es ist eine Allegorie

 

Lametta ist die echte Alternative für Deutschland

Wer Lametta hat, hat nicht mehr AFD

Der hat selber genug Leuchtmittel an sich

Und mit Lametta tut selbst Weihnachten nicht weh.

 

Zwischen alles kann man Lamettafäden hängen

Was sich sonst in der Welt nicht verbinden lässt

Ich wünsche der Ost- und Westukraine

Voll das Lametta-Weihnachtsfest

 

Lametta connectet alles

Was sich sonst nicht connecten lässt.

Ich wünsche Nord- und Südkorea

Voll das Lametta-Weihnachtsfest

 

Lametta, Lametta, Lametta

Kein Wort davon ist zu viel

Lametta ist wie Tannenbaum-Karaoke

Lametta ist ein krasses Lebensgefühl

 

Refrain (ca. 12 mal wiederholen):

Und auch Liebe ist letztlich wie Lametta

Wir hängen uns alle gegenseitig damit voll

Denn wir sind alle wie Weihnachtbäume

Und Lametta ist unser Rock n Roll

 

 

 

 

 

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