Volksverräterverräter

Volksverräter_Schamanengesichter_mondaugen_KLEIN

Es ist kurz vor Mitternacht. Ich liege bei meiner Therapeutin Natascha-Lou Salomè auf der Behandlungscouch. Wir hatten früher mal eine Liason miteinander und uns anschließend versprochen, uns auch danach immer noch in Notfällen beizustehen.

„Und dies ist ein Notfall“ murmele ich, während mein verkrampfter Körper auf der Couch zuckt. – „Ich habe Angst“, murmele ich, „Ich habe verdammte Angst, seit ich ständig diese gigantischen Wahlkampfplakate mit Polizisten und vollverschleierten Frauen drauf am Straßenrand sehe. Außerdem habe ich habe Angst vor der Zukunft und davor, dass gerade irgendwo irgend so ein Bekloppter via Twitter einen Atomkrieg auslöst. Das alles würde ich schon noch verwaltet kriegen irgendwie, wie wir alle das gerade verwaltet kriegen müssen. Aber wo die Scheiß-Angst bei mir total aus dem Ruder läuft ist, wenn ich irgendwo einen wütenden Menschenauflauf höre, der laut ‚Volksverräter! Volksverräter! Volksverräter!‘ grölt. – Da schockgefriert’s mich.“

„So, so ‚Volksverräter‘ ist also dein Problem?!“, murmelt Natascha-Lou, sinnt einen Moment lang nach und sagt dann: „Es gibt da so eine neue Therapie: SRT – Semantische Rekonvaleszenz-Therapie. Sie ist ziemlich easy: Man spricht dasjenige Wort, von dem man sich bedroht fühlt, mal eine ganze Woche lang selber laut aus – und zwar nur dieses Wort! Schau, einfach, wie weit du es damit bringst, Kurt! Und am besten fängst du gleich morgen an damit! – So, jetzt: Auf, auf! Die Behandlung ist beendet!“

Und kein Augenaufschlag hilft, ich muss mich trotz der späten Stunde tatsächlich anziehen und Natascha-Lous Privat-Praxis verlassen. Als ich schon draußen im Treppenhaus zwei Etagen tiefer bin, ruft sie mir noch hinterher. „Kleiner Tipp noch, geh vielleicht am Anfang nicht gerade gleich nach Connewitz!“

Ich will „O.K!“ rufen, sehe auf meiner Uhr aber, dass es jetzt schon kurz nach Mitternacht ist und skandiere therapeutisch korrekt, wenn auch noch etwas vorsichtig, zurück: „Volksverräter!“ Dann schlägt die Haustür hinter mir zu.

Am nächsten Morgen erwache ich semantisch frisch gebügelt und in bester Laune. – Ich sehe mich im Spiegel: „Volksverräter!“, sage ich, strecke mir die Zunge raus, und es fühlt sich gut an. Ich schaue in meinen halbleeren Kühlschrank, murmele „Volksverräter!“ und knalle die Tür zu. Dann gieße ich Milch in meinen Kaffee bis er braun wird, nazi-braun, denke ich und murmele „Volksverräter!“. Ich putze meine Zähne, gehe noch mal auf Klo (groß), betrachte kurz gedankenverloren meine Kacke und sage wieder: „Volksverräter“. Es fühlt sich gut an, wie gesagt. Dann muss ich auf Arbeit.

Im Büro skandiere ich statt „Guten Morgen!“ euphorisch: „Volksverräter!“, reiße alle Zimmertüren auf und schreie überall rein: „Volksverräter! Volksverräter!“ Mein Chef – der früher mal Philosophie studiert hat und sich bei Hegel übelst auskennt, womit er bei Firmenfeiern immer angibt, wenn er ein paar zuviel gesoffen hat, obwohl das kein Schwein interessiert, so wie auch euch jetzt vielleicht – mein Chef, wie gesagt, zitiert daraufhin mit zitterndem Unterkiefer nicht Hegel, sondern mich in sein Büro: Und er fragt: „Was soll‘n das, Kollege?“

Und natürlich kann ich ihm das alles nicht erklären. Ich sage vielmehr beschwichtigend: „Volksverräter!“, aber das kommt irgendwie nicht gut an, fürchte ich und habe recht. –

„Wollen sie mich verarschen?“

„Volksverräter!“ sage ich abermals und schüttele den Kopf.

Er starrt mich zwei Minuten fassungslos an, dann kramt er meine Papier aus dem Regal, füllt einen Zettel aus. „Hier, Ihre Entlassung!“

Sorry, will ich sagen, und dass er als Philosoph doch eigentlich sprachliche Dialektik verstehen müsste, aber ich wiederhole nur: „Volksverräter!“

Dann habe ich wirklich frei. Ich stehe irgendwo tief im Leipziger Osten, vor diesem Bürohaus während der Verkehr an mir vorbeirauscht und denke: dass ich ja eh hier längst aufhören wollte, weil der mich sowieso die ganze Zeit übelst limitiert hat, der Scheiß-Job, und dass ich da nur 10 % meines geistigen Potentials nutzen konnte, was ja auch Ron Hubbard von Scientology immer predigt, obwohl Scientology jetzt vielleicht auch nicht die Lösung ist, sondern „Volksverräter“, denke ich. Und damit mein überhitztes Gehirn runterfahren kann, nimmt der nächstbeste syrische Imbiss auf der Eisenbahnstraße mich freundlich lächelnd bei sich auf: „Challo“ sagt der Besitzer.

„Volksverräter!“ hauche ich freundlich lächelnd zurück.

„Was möch-ch- ten Sie bittesch-ch-ön?“

„Volksverräter!“ murmele ich gedankenverloren.

Der Mann zögert einen Moment, dann gibt er mir Döner mit Bockwurst, und ich lächle wieder freundlich: „Volksverräter!“. Er lächelt zurück. Und beim Rausgehen eine halbe Stunde später winkt er mir fröhlich nach: „Volks-verch-chräter!“

Die Erkenntnis trifft mich, während ich die Klinke noch in der Hand halte: Ich habe soeben damit begonnen, durch und mit meinem Sprechen, die Bedeutung des Wortes „Volksverräter“ im deutschen Sprachraum subversiv zu unterwandern. Und ich fühle gleich, dass ich das forcieren sollte, weil das vielleicht zu meinem therapeutischen Auftrag gehört. Ich drehe mich also auf der Schwelle um und gehe ins Lokal zurück. Mit dem Zauberwort „Volksverräter“ bestelle ich dann einen schwarzen Tee nach dem anderen und sitze den ganzen Mittag und Nachmittag über in meinem Glas rührend im Ladenschaufenster, und ich starre auf die Eisenbahnstraße und warte darauf, dass draußen wieder so ‘ne Massenmesserstecherei anfängt, wo dann die Polizei und das Lügenfernsehen kommen, um live darüber zu berichten. Und ich male mir aus, wie ich zusammen mit meinem neuen syrischen Freund fröhlich „Volksverräter“ rufend durch den Schwenkbereich der Kamera tanzen und damit via Liveübertragung in ganz Deutschland eine semantisches Erdbeben auslösen würde. Aber bis zum Abend passiert nichts, und kurz vor Mitternacht trotte ich nach Hause.

Am nächsten Morgen muss ich gleich früh zum Amt, um mich arbeitslos zu melden. „Volksverräter!“ grüße ich den Pförtner in der Schumannstraße, der mich gleich in Notfall-Zimmer 112 einweist. Die Sachbearbeiterin dort blättert kurz in meinen Unterlagen, schüttelt mehrmals bedenklich den Kopf und murmelt dann: „… ‚Autor‘ … so, so, Schreiberling sind Sie also auch noch, na dann erzählen Sie mal so: was können Sie denn am besten schreiben?“

„Volksverräter!“

„Ah, verstehe, passt. Ist ja gerade Bundestagswahl, da hätte ich was für Sie – zumindest für die nächsten zwei Wochen: Ghostwriter. Hier ist die Liste aller Leipziger Parteizentralen, stellen Sie sich da mal überall vor. Und bitte auch FDP und AFD nicht auslassen – wegen der politischen Chancengleichheit! Hat man uns extra drauf hingewiesen!“

„Volksverräter…in!“ verabschiede ich mich.

Aber keine von den etablierten Parteien, in deren Büros ich im Laufe des Vormittags auflaufe, will mich wirklich haben. Selbst die Dame von der FDP lässt mich zwar auf die Frage was ich denn so könne, mehrmals „Volksverräter!“, „Volksverräter!“  „Volksverräter!“ grölen, ruft dann sichtlich beeindruckt bei ihrer Bundeszentrale an, doch nach einem halbstündigen Telefonat kommt sie seufzend zurück: „Ach, als der selige Herr Möllemann noch lebte, da hätte ich Sie jetzt nicht gehen lassen müssen, aber so, leider, leider, aber vielleicht bei der nächsten Wahl dann. Könne Sie mir noch mal Ihren Namen sagen?“

„Volksverräter!“

Latsche ich also als letztes zum AFD-Büro, gleich um die Ecke: „Volksverräter!“

Die Sekretärin grinst, prüft meine Unterlagen und ruft dann laut durch eine Tür nach hinten: „Uli – hier, der Kollege ist auch Ghostwriter, der kann dann gleich zusammen mit dir ausrücken!“ – Und hinter vorgehaltener Hand flüstert sie mir zu: „Uli ist Mini-Job-Hausmeister aus Mockau – und jedes zweite Wort bei ihm ist ‚Volksverräter‘ und sein parteiinterner Deckname auch.“ – Und sie grinst wieder. Und ich will entgegnen, dass bei mir sogar JEDES Wort „Volksverräter“ ist, aber stattdessen murmele ich nur: „Volksverräter“. Und in diesem Moment kommt auch schon Uli mit zwei schwarzen Farbeimern und mehreren großen Pinseln von hinten aus dem Lager, zerquetscht mir die Hand und sagt: „Gestatten: Volksverräter.“

„Volksverräter“ quieke ich.

Uli haut mir auf die Schulter. – „Na dann lass uns gleich mal losfahren, Alter!“

Draußen steht sein tiefergelegter VW Golf, und wir rauschen davon. Der erste Stopp ist an einer Freifläche mit fünf riesigen Wahlplakaten der etablierten Parteien. Volksverräter-Uli zeigt mir, wie man innerhalb von einer Minute mit fetter schwarzer Farbe von links nach rechts das „Volksverräter“-Wort quer über die Werbetafeln malen muss. Und da wir gerade in Mockau sind, entsteht dabei auch gleich ein kleiner Menschenauflaufmob aus Rentnern, die uns aus ihren Fenstern gesehen haben und nun in Hauspantoffeln runtergekommen sind und anfeuernd skandieren: „Volksverräter“ „Volksverräter“. Und ich bin also genötigt, unter lautem Applaus zweimal das Wort quer über die Plakatfläche zu schmieren. Es ist mir zwar ein bisschen peinlich, gehört aber bestimmt zur Therapie, denke ich, und irgendwann gewöhnt man sich an den Quatsch.

Kaum ist der letzte Pinselzug getan, ruft Uli-Volksverräter schon: „Komm Alter, wir haben noch viel vor heute!“ –  Und wir schaffen es tatsächlich, an diesem Tag sämtliche Wahlplakate im Leipziger Norden und Osten sowie im ganzen östlichen Umland bis Wurzen und Colditz mit „Volksverräter“ zu überschreiben. Der größte Auflauf entsteht dann am Abend in der national befreiten Zone Geithain. – Auf dem Marktplatz dort hängen ca. 100 große Plakate – immer abwechselnd von NPD und AFD. Es gibt nur ein einziges kleines verschüchtertes CDU-Plakat in A4-Größe an einer Laterne zur Seiteneinfahrt des Rathauses. Dort erwarten uns schon 200 euphorische Menschen und skandieren „Volksverräter“ „Volksverräter!“ Uli und ich steigen wie Sherriffs aus unserem VW, halten die fett in schwarze Farbe getauchten tropfende Pinsel wie Colts an unseren Seiten und schreiten unter großem Jubel zur finalen Überschreibung des einzigen örtlichen CDU-Plakätchens. Plötzlich überschwemmt es mich: „Volksverräter“ „Volksverräter“ „Volksverräter“ schreie ich schrill und immer schneller werdend und beginne plötzlich mit meinem schwarzen Pinsel wie im Rausch hemmungslos und unkontrolliert auch sämtliche AFD- und NPD-Plakate auf dem Platz mit „Volkverräter“ zu überschmieren.

Jäh wird es still auf dem Platz, weil alle mich fassungslos anstarren, auch Volksverräter-Uli ist einen Moment lang perplex. Dann kommt er zur Besinnung, jagt hinter mir her, erwischt endlich meinen Arm, reißt mir den epileptisch zuckenden Pinsel aus der Hand, zerrt mich ins Auto und schreit: „Bist du irre, Alter?!“

Aber was soll ich sagen: „Volksverräter“ sage ich, schreie ich wieder und wieder, während schon die ersten empörten Pflastersteine auf Ulis getunten VW fliegen. –

„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ brüllt Uli, bei dem also doch nicht jedes zweite Wort „Volksverräter“ ist, registriere ich, während wir schon über die Autobahn zurück Richtung Leipzig rasen. „Du bist ja irre! Du bist ja wirklich irre!“ ruft Uli dabei immer wieder, schüttelt selber wie irre den Kopf und haut beim Fahren arhythmisch aufs Lenkrad. Und irgendwo an der Abfahrt Connewitz/Dösen schmeißt er mich dann raus: „Früher hätten sie solche wie Dich gleich vergast!“ murmelt er zum Abschied.

„Volksverräter“ murmele ich entschuldigend zurück und springe geistesgegenwärtig ins Unterholz, um nicht doch noch eins auf die Fresse zu kriegen. Die Dämmerung setzt ein, und wenn ich ehrlich bin, nach zwei Tagen von Natascha-Lous Therapie-Experiment fühle ich mich wirklich ein bisschen erschöpft und durchgedreht – fast wie dieser Woyzeck damals, vor 200 Jahren, als er von Georg Büchner wochenlang nur Erbsen zu essen kriegte, denke ich, und: bin ich jetzt wirklich wie Woyzeck, und werde ich am Ende dieses Experiments oder spätestens nach der nächsten Bundestagswahl vielleicht auch irgendwann hingerichtet, wenn Björn Höcke dann eines Tages Bundesjustizminister geworden ist zumindest? – „Volksverräter“ fluche ich und jage wie ein prophylaktischer Untoter durch den nächtlichen Auwald.

Es ist kurz vor Mitternacht. Mit letzter Kraft wähle ich Natascha-Lous Notfallnummer und winsele in mein Handy: „Volksverräter!“

„Komm einfach vorbei“ haucht Natascha-Lou beruhigend zurück und empfängt mich in einem psychedelischen Schlafanzug bei Kerzenlicht. Gleich hilft sie mir aus den panik-verschwitzten Klamotten, streicht sanft von oben nach unten über meine sämtlichen Chakren. Als sie beim Wurzelchakra ankommt, beginnen wir uns zu küssen, während im Hintergrund Rachmaninov oder Diamanda Galas läuft, und irgendwann flüstert sie mir ins Ohr, wo die Kondome liegen, und ich taste danach und versuche die Kondompackung aufzureißen, aber es geht irgendwie nicht, und irgendwie droht das, die Candlelight-Stimmung zu versauen. Und ich werde nervös, und Natascha-Lou fragt auch schon: „Kurt, was is‘n jetzt?“ – Und ich zerre noch einmal mit ganzer Kraft an der Plasteverpackung, und – …_das Kondom fliegt durch die Dunkelheit aus dem Zimmerfenster. Und ich will „Fuck!“ rufen – aber ich rufe: „Volksverräter!“

Stille im Raum! Ich halte den Atem an. Natascha-Lou hält den Atem an – zehn Sekunden lang. „Na geht doch!“ raunt sie dann in mein Ohr und beißt mich, und wir müssen beide lachen.

 

 

 

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s