Last Call: MEMENTO!

Foto Memento mit Schneeflocken

Und es war an diesem Tag Ende Februar, in jenem später nicht enden wollenden Winter, als es unerwartet plötzlich doch noch zu schneien begann, und der Schnee dann bis Ostern liegen blieb und uns den Atmen verschlug, es war also an diesem Tag Ende Februar, als alles begann, als die Stadt nachmittags plötzlich still wurde unter dem nicht enden wollenden Schneefall, und wir beide uns verabredet hatten zwei Tage zuvor für genau diesen Nachmittag, Liebste – zu unserem ersten Date – oder zu unserem ersten „Dreh“, wie wir es später nannten. Und Du hattest diesen Ort ausgewählt – und es wurde ein Spiel daraus später, ungewöhnliche Kulissen zu finden für unser gemeinsames Boheme-Leben – und es war also dieses Filmcafé mit DVD-Verleih am Dorotheenplatz/Kolonnadenstraße 1, das MEMENTO, das gerade eröffnet hatte, und das ich bis dahin nicht kannte, mit dem du mich überraschen wolltest. Und ich kam also mit meinen alten Germina-Langlauf-Ski noch aus DDR-Produktion vom Leipziger Westen aus Plagwitz herübergelaufen durch zwanzig Zentimeter Neuschnee und dieses ganze unfassbare Kristall lag schwirrend in der Luft – durch den Clara- und den Johannapark gleitend – mit pochendem Herzen – das musste am Schnee liegen, dachte ich damals noch – zu diesem ersten Date oder Dreh mit dir, und wir erreichten uns gleichzeitig wie filmreif aus unterschiedlichen Richtungen an diesem magischen Platz vor dem MEMENTO! – Kadrierung! – Schnitt! – Und: Gegenschnitt! – Aufgenommen bestimmt von den Überwachungskameras überm Dorotheenplatz und der Kolonnadenstraße, wenn es sie gibt, und wenn sie je zu irgendwas nutze gewesen wären, dann wäre es genau für diese Szene gewesen. Doppelpunkt/Schnitt:

Ich – auf Skiern mit dem Ostzonen-Norweger-Pullover meines Vaters von links aus Richtung Plagwitz her ins Bild stolpernd und Du von rechts heranwehend in deinem flirrenden Mantel – irgendwas Atemberaubendes – so kam es mir vor – aus den Kulissen der Nouvelle Vague oder von Audrey Hepburn. – Das musste am vielen Schnee liegen, dachte ich mit ungewöhnlich pochendem Herzen, und wir bestellten uns heiße Schokolade oder Kaffee und setzten uns wirklich zwischen all diese Filme und Kulissen in diese Kino-Cafésessel des MEMENTO, während draußen der Schnee herunterrieselte wie im Vorspann von Fargo. Und du erzähltest mir, dass du hier um die Ecke wohnen würdest in deiner Lebenskünstlerinnen-Pension in der Kolonnadenstraße XY, Hotel Colonnade, wie du sie nanntest, und dass das MEMENTO hier dein Lieblingscafé wäre und dein „Absolut-favorite-Film-Verleih-ever“ noch dazu, ein Filmverleih, bei dem du dir aber seit ein paar Wochen magischer Weise gerade immer nur noch Liebesfilme ausleihen würdest, fügtest Du lächelnd hinzu, „sogar Hollywood inzwischen – eigentlich nur Hollywood, um genau zu sein seit vier Wochen“, murmeltest du.

Und wir redeten dann natürlich über diese ganzen Filme mit Meg Ryan, Jude Law, Julia Roberts und Jodie Foster und über Philip Roth und dann noch über Sex, Kindererziehung, Schlingensief und Reinkarnation, ich weiß es noch wie heute, nur über die Reihenfolge bin ich mir nicht mehr ganz sicher.

Und während der Schnee vor den Fensterscheiben des MEMENTO vorüberzog, an diesem endlos langen Nachmittag zwischen Kaffee, heißer Schokolade und einer Flasche Rhabarber-Saft der Mosterei Bunge aus Holzhausen, die wir später ins Gespräch vertieft orderten, und die Flocken sich draußen nach und nach wie zwei kleine weiße Norwegerpullover über die Spitzen meiner Ski stülpten, spürte ich ganz deutlich, dass hier wirklich gerade ein ganz neuer Film begann in meinem Leben und in deinem Leben, egal, ob es diese heimlichen Überwachungskameras der NSA oder von Paramount Pictures nun wirklich gab da draußen überm Dorotheenplatz und der Kolonnadenstraße und ob die das alles wirklich echt mitschnitten, was gerade zwischen uns geschah oder ob sie es nicht taten. Und wir hatten auch keine Ahnung, wer das Drehbuch geschrieben oder uns beide gecastet hatte für diese Rollen, so fühlte es sich damals an, die wir spielten in diesem existentialistischen Moment, in dieser Anfangssequenz von diesem durchgeknallten Liebesfilm, den Hollywood wie gesagt gerade heimlich mit uns drehte oder der amerikanische Geheimdienst – seit Edward Snowden ist ja alles vorstellbar, ahnen wir inzwischen –, diese unüberschaubare Anfangssequenz dieses experimentellen Liebesfilms also, diese ungeschnittene Szene, in der wir uns damals in diesem endlosen Nachmittags-Dreh im MEMENTO gegenübersaßen – zwischen Kaffee, Kakao und Rhabarber-Saft und zu Rotwein übergingen noch später am Nachmittag unvermittelt auf nüchternen Magen. – Und als es dunkel wurde, funkelten die Kristalle der Schneeflocken in deinen Augen wie magische Stroboskope. – Ich weiß es noch wie heute! – Dieser endlose Liebesfilm-Anfang also, in den eingehüllt wir von diesem Augenblick an zu leben lernten oder den wir uns ausliehen ab jetzt täglich im MEMENTO als DVD – und immer unter anderem Namen – Hollywood, Nouvelle Vague oder DOGMA. – „It’s real! Kurt! Krass: It‘s wirklich real! – Spürst du’s auch?!“ riefst du in solchen Momenten, während dein ganzer Körper zuckte, als würde er von einer avantgardistischen Handkamera abgelichtet. Und du kniffst mich in den Arm, und in deinen Augen rollten diese Schneekristalle im Stroboskoplicht, so dass ich jedes Mal aufschrie und erwachte, von nun an täglich nachts in deinem Bett erwachte, Liebste, in deinem 12. oder 13. Zimmer in deinem Hotel Colonnade, in diesem wiederkehrende Winter, Frühling, Sommer, Herbst und Winter usw. – Jene Jahre in Hollywood oder: So wie wir waren oder wie wir die Zeit damals nannten in unserer Privatsprache, ich weiß es noch, diese Zeit, in der wir all diese Filme sahen bis heute anhaltend, all diese Filme also, die wir uns im MEMENTO ausliehen nacheinander und die die wechselnden Aggregatszustände unserer Liebe abbildeten, all die Zeit über, seit unserem Kennenlernen im Schneetreiben, diese atemverschlagenden Filme aus diesem atemverschlagenden Filmverleihcafé MEMENTO, in dem wir Sideways lebten zwischen Coffee & Cigarettes und dem Menschlichen Makel, zwischen Frühstück bei Tiffanys, Woody Allen und der Totalen Therapie, zwischen Barbara Streisand, 9 Songs, Terminator 2, Avatar, Solaris, Lars von Trier und Grand Budapest Hotel.

– Bei der NSA oder in Hollywood gibt es sicher eine Liste darüber, welche Filme wir im MEMENTO ausgeliehen und dann gesehen haben all die Jahre nachts drüben in deinem 13. Zimmer im Hotel Colonnade, oder in welchen Filmen wir lebten auch jenseits deines Zimmers und jenseits des MEMENTO und der Kolonnadenstraße. – In jedem Fall in unserem eigenen Film im Film, denke ich, dessen Anfang sie heimlich mitgeschnitten haben wie gesagt vermutlich, seit diesem Nachmittag Ende Februar, als der erste Schnee fiel in dieser Schlüsselszene vor der Schaufensterscheibe des MEMENTO dort draußen, Liebste, weißt du noch? – ZOOM UND SCHNITT:

Morgen in einer Woche werden die Dreharbeiten zu unserem Film dann endgültig abgeschlossen sein: Wir beide werden am Abend des 26. Februar 2016 zwischen vielen anderen Leuten, die alle ihre eigene Lebens- oder Liebegeschichte mit dem MEMENTO haben, ein letztes Mal auf den Kinostühlen des Filmcafés sitzen. Und es wird bestimmt noch ein letztes Mal Schnee fallen für uns oder für alle Anwesenden wie damals in der Anfangsszene, und wir werden wieder Kaffee und Kakao und Rhabarbersaft und Rotwein nacheinander trinken auf nüchternen Magen, und es wird sich anfühlen wie bei Abschied von Matjora von Elem Klimov oder die Schlussszene von Solaris (1972), und wir werden alle zusammen ein bisschen weinen, bestimmt!

So und jetzt in Prosa: Der 26. Februar 2016 ist der Tag, an dem das Filmcafé und der DVD-Verleih MEMENTO in der Kolonnadenstraße 1 mit einer cineastischen Abschieds-Veranstaltung für immer seine Pforten schließt. Geht alle noch einmal hin bis dahin und leiht Euch Tarkowski aus oder „Jene Jahre in Hollywood“ – However!

 

 

 

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