Volksverräterverräter

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Es ist kurz vor Mitternacht. Ich liege bei meiner Therapeutin Natascha-Lou Salomè auf der Behandlungscouch. Wir hatten früher mal eine Liason miteinander und uns anschließend versprochen, uns auch danach immer noch in Notfällen beizustehen.

„Und dies ist ein Notfall“ murmele ich, während mein verkrampfter Körper auf der Couch zuckt. – „Ich habe Angst“, murmele ich, „Ich habe verdammte Angst, seit ich ständig diese gigantischen Wahlkampfplakate mit Polizisten und vollverschleierten Frauen drauf am Straßenrand sehe. Außerdem habe ich habe Angst vor der Zukunft und davor, dass gerade irgendwo irgend so ein Bekloppter via Twitter einen Atomkrieg auslöst. Das alles würde ich schon noch verwaltet kriegen irgendwie, wie wir alle das gerade verwaltet kriegen müssen. Aber wo die Scheiß-Angst bei mir total aus dem Ruder läuft ist, wenn ich irgendwo einen wütenden Menschenauflauf höre, der laut ‚Volksverräter! Volksverräter! Volksverräter!‘ grölt. – Da schockgefriert’s mich.“

„So, so ‚Volksverräter‘ ist also dein Problem?!“, murmelt Natascha-Lou, sinnt einen Moment lang nach und sagt dann: „Es gibt da so eine neue Therapie: SRT – Semantische Rekonvaleszenz-Therapie. Sie ist ziemlich easy: Man spricht dasjenige Wort, von dem man sich bedroht fühlt, mal eine ganze Woche lang selber laut aus – und zwar nur dieses Wort! Schau, einfach, wie weit du es damit bringst, Kurt! Und am besten fängst du gleich morgen an damit! – So, jetzt: Auf, auf! Die Behandlung ist beendet!“

Und kein Augenaufschlag hilft, ich muss mich trotz der späten Stunde tatsächlich anziehen und Natascha-Lous Privat-Praxis verlassen. Als ich schon draußen im Treppenhaus zwei Etagen tiefer bin, ruft sie mir noch hinterher. „Kleiner Tipp noch, geh vielleicht am Anfang nicht gerade gleich nach Connewitz!“

Ich will „O.K!“ rufen, sehe auf meiner Uhr aber, dass es jetzt schon kurz nach Mitternacht ist und skandiere therapeutisch korrekt, wenn auch noch etwas vorsichtig, zurück: „Volksverräter!“ Dann schlägt die Haustür hinter mir zu.

Am nächsten Morgen erwache ich semantisch frisch gebügelt und in bester Laune. – Ich sehe mich im Spiegel: „Volksverräter!“, sage ich, strecke mir die Zunge raus, und es fühlt sich gut an. Ich schaue in meinen halbleeren Kühlschrank, murmele „Volksverräter!“ und knalle die Tür zu. Dann gieße ich Milch in meinen Kaffee bis er braun wird, nazi-braun, denke ich und murmele „Volksverräter!“. Ich putze meine Zähne, gehe noch mal auf Klo (groß), betrachte kurz gedankenverloren meine Kacke und sage wieder: „Volksverräter“. Es fühlt sich gut an, wie gesagt. Dann muss ich auf Arbeit.

Im Büro skandiere ich statt „Guten Morgen!“ euphorisch: „Volksverräter!“, reiße alle Zimmertüren auf und schreie überall rein: „Volksverräter! Volksverräter!“ Mein Chef – der früher mal Philosophie studiert hat und sich bei Hegel übelst auskennt, womit er bei Firmenfeiern immer angibt, wenn er ein paar zuviel gesoffen hat, obwohl das kein Schwein interessiert, so wie auch euch jetzt vielleicht – mein Chef, wie gesagt, zitiert daraufhin mit zitterndem Unterkiefer nicht Hegel, sondern mich in sein Büro: Und er fragt: „Was soll‘n das, Kollege?“

Und natürlich kann ich ihm das alles nicht erklären. Ich sage vielmehr beschwichtigend: „Volksverräter!“, aber das kommt irgendwie nicht gut an, fürchte ich und habe recht. –

„Wollen sie mich verarschen?“

„Volksverräter!“ sage ich abermals und schüttele den Kopf.

Er starrt mich zwei Minuten fassungslos an, dann kramt er meine Papier aus dem Regal, füllt einen Zettel aus. „Hier, Ihre Entlassung!“

Sorry, will ich sagen, und dass er als Philosoph doch eigentlich sprachliche Dialektik verstehen müsste, aber ich wiederhole nur: „Volksverräter!“

Dann habe ich wirklich frei. Ich stehe irgendwo tief im Leipziger Osten, vor diesem Bürohaus während der Verkehr an mir vorbeirauscht und denke: dass ich ja eh hier längst aufhören wollte, weil der mich sowieso die ganze Zeit übelst limitiert hat, der Scheiß-Job, und dass ich da nur 10 % meines geistigen Potentials nutzen konnte, was ja auch Ron Hubbard von Scientology immer predigt, obwohl Scientology jetzt vielleicht auch nicht die Lösung ist, sondern „Volksverräter“, denke ich. Und damit mein überhitztes Gehirn runterfahren kann, nimmt der nächstbeste syrische Imbiss auf der Eisenbahnstraße mich freundlich lächelnd bei sich auf: „Challo“ sagt der Besitzer.

„Volksverräter!“ hauche ich freundlich lächelnd zurück.

„Was möch-ch- ten Sie bittesch-ch-ön?“

„Volksverräter!“ murmele ich gedankenverloren.

Der Mann zögert einen Moment, dann gibt er mir Döner mit Bockwurst, und ich lächle wieder freundlich: „Volksverräter!“. Er lächelt zurück. Und beim Rausgehen eine halbe Stunde später winkt er mir fröhlich nach: „Volks-verch-chräter!“

Die Erkenntnis trifft mich, während ich die Klinke noch in der Hand halte: Ich habe soeben damit begonnen, durch und mit meinem Sprechen, die Bedeutung des Wortes „Volksverräter“ im deutschen Sprachraum subversiv zu unterwandern. Und ich fühle gleich, dass ich das forcieren sollte, weil das vielleicht zu meinem therapeutischen Auftrag gehört. Ich drehe mich also auf der Schwelle um und gehe ins Lokal zurück. Mit dem Zauberwort „Volksverräter“ bestelle ich dann einen schwarzen Tee nach dem anderen und sitze den ganzen Mittag und Nachmittag über in meinem Glas rührend im Ladenschaufenster, und ich starre auf die Eisenbahnstraße und warte darauf, dass draußen wieder so ‘ne Massenmesserstecherei anfängt, wo dann die Polizei und das Lügenfernsehen kommen, um live darüber zu berichten. Und ich male mir aus, wie ich zusammen mit meinem neuen syrischen Freund fröhlich „Volksverräter“ rufend durch den Schwenkbereich der Kamera tanzen und damit via Liveübertragung in ganz Deutschland eine semantisches Erdbeben auslösen würde. Aber bis zum Abend passiert nichts, und kurz vor Mitternacht trotte ich nach Hause.

Am nächsten Morgen muss ich gleich früh zum Amt, um mich arbeitslos zu melden. „Volksverräter!“ grüße ich den Pförtner in der Schumannstraße, der mich gleich in Notfall-Zimmer 112 einweist. Die Sachbearbeiterin dort blättert kurz in meinen Unterlagen, schüttelt mehrmals bedenklich den Kopf und murmelt dann: „… ‚Autor‘ … so, so, Schreiberling sind Sie also auch noch, na dann erzählen Sie mal so: was können Sie denn am besten schreiben?“

„Volksverräter!“

„Ah, verstehe, passt. Ist ja gerade Bundestagswahl, da hätte ich was für Sie – zumindest für die nächsten zwei Wochen: Ghostwriter. Hier ist die Liste aller Leipziger Parteizentralen, stellen Sie sich da mal überall vor. Und bitte auch FDP und AFD nicht auslassen – wegen der politischen Chancengleichheit! Hat man uns extra drauf hingewiesen!“

„Volksverräter…in!“ verabschiede ich mich.

Aber keine von den etablierten Parteien, in deren Büros ich im Laufe des Vormittags auflaufe, will mich wirklich haben. Selbst die Dame von der FDP lässt mich zwar auf die Frage was ich denn so könne, mehrmals „Volksverräter!“, „Volksverräter!“  „Volksverräter!“ grölen, ruft dann sichtlich beeindruckt bei ihrer Bundeszentrale an, doch nach einem halbstündigen Telefonat kommt sie seufzend zurück: „Ach, als der selige Herr Möllemann noch lebte, da hätte ich Sie jetzt nicht gehen lassen müssen, aber so, leider, leider, aber vielleicht bei der nächsten Wahl dann. Könne Sie mir noch mal Ihren Namen sagen?“

„Volksverräter!“

Latsche ich also als letztes zum AFD-Büro, gleich um die Ecke: „Volksverräter!“

Die Sekretärin grinst, prüft meine Unterlagen und ruft dann laut durch eine Tür nach hinten: „Uli – hier, der Kollege ist auch Ghostwriter, der kann dann gleich zusammen mit dir ausrücken!“ – Und hinter vorgehaltener Hand flüstert sie mir zu: „Uli ist Mini-Job-Hausmeister aus Mockau – und jedes zweite Wort bei ihm ist ‚Volksverräter‘ und sein parteiinterner Deckname auch.“ – Und sie grinst wieder. Und ich will entgegnen, dass bei mir sogar JEDES Wort „Volksverräter“ ist, aber stattdessen murmele ich nur: „Volksverräter“. Und in diesem Moment kommt auch schon Uli mit zwei schwarzen Farbeimern und mehreren großen Pinseln von hinten aus dem Lager, zerquetscht mir die Hand und sagt: „Gestatten: Volksverräter.“

„Volksverräter“ quieke ich.

Uli haut mir auf die Schulter. – „Na dann lass uns gleich mal losfahren, Alter!“

Draußen steht sein tiefergelegter VW Golf, und wir rauschen davon. Der erste Stopp ist an einer Freifläche mit fünf riesigen Wahlplakaten der etablierten Parteien. Volksverräter-Uli zeigt mir, wie man innerhalb von einer Minute mit fetter schwarzer Farbe von links nach rechts das „Volksverräter“-Wort quer über die Werbetafeln malen muss. Und da wir gerade in Mockau sind, entsteht dabei auch gleich ein kleiner Menschenauflaufmob aus Rentnern, die uns aus ihren Fenstern gesehen haben und nun in Hauspantoffeln runtergekommen sind und anfeuernd skandieren: „Volksverräter“ „Volksverräter“. Und ich bin also genötigt, unter lautem Applaus zweimal das Wort quer über die Plakatfläche zu schmieren. Es ist mir zwar ein bisschen peinlich, gehört aber bestimmt zur Therapie, denke ich, und irgendwann gewöhnt man sich an den Quatsch.

Kaum ist der letzte Pinselzug getan, ruft Uli-Volksverräter schon: „Komm Alter, wir haben noch viel vor heute!“ –  Und wir schaffen es tatsächlich, an diesem Tag sämtliche Wahlplakate im Leipziger Norden und Osten sowie im ganzen östlichen Umland bis Wurzen und Colditz mit „Volksverräter“ zu überschreiben. Der größte Auflauf entsteht dann am Abend in der national befreiten Zone Geithain. – Auf dem Marktplatz dort hängen ca. 100 große Plakate – immer abwechselnd von NPD und AFD. Es gibt nur ein einziges kleines verschüchtertes CDU-Plakat in A4-Größe an einer Laterne zur Seiteneinfahrt des Rathauses. Dort erwarten uns schon 200 euphorische Menschen und skandieren „Volksverräter“ „Volksverräter!“ Uli und ich steigen wie Sherriffs aus unserem VW, halten die fett in schwarze Farbe getauchten tropfende Pinsel wie Colts an unseren Seiten und schreiten unter großem Jubel zur finalen Überschreibung des einzigen örtlichen CDU-Plakätchens. Plötzlich überschwemmt es mich: „Volksverräter“ „Volksverräter“ „Volksverräter“ schreie ich schrill und immer schneller werdend und beginne plötzlich mit meinem schwarzen Pinsel wie im Rausch hemmungslos und unkontrolliert auch sämtliche AFD- und NPD-Plakate auf dem Platz mit „Volkverräter“ zu überschmieren.

Jäh wird es still auf dem Platz, weil alle mich fassungslos anstarren, auch Volksverräter-Uli ist einen Moment lang perplex. Dann kommt er zur Besinnung, jagt hinter mir her, erwischt endlich meinen Arm, reißt mir den epileptisch zuckenden Pinsel aus der Hand, zerrt mich ins Auto und schreit: „Bist du irre, Alter?!“

Aber was soll ich sagen: „Volksverräter“ sage ich, schreie ich wieder und wieder, während schon die ersten empörten Pflastersteine auf Ulis getunten VW fliegen. –

„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ brüllt Uli, bei dem also doch nicht jedes zweite Wort „Volksverräter“ ist, registriere ich, während wir schon über die Autobahn zurück Richtung Leipzig rasen. „Du bist ja irre! Du bist ja wirklich irre!“ ruft Uli dabei immer wieder, schüttelt selber wie irre den Kopf und haut beim Fahren arhythmisch aufs Lenkrad. Und irgendwo an der Abfahrt Connewitz/Dösen schmeißt er mich dann raus: „Früher hätten sie solche wie Dich gleich vergast!“ murmelt er zum Abschied.

„Volksverräter“ murmele ich entschuldigend zurück und springe geistesgegenwärtig ins Unterholz, um nicht doch noch eins auf die Fresse zu kriegen. Die Dämmerung setzt ein, und wenn ich ehrlich bin, nach zwei Tagen von Natascha-Lous Therapie-Experiment fühle ich mich wirklich ein bisschen erschöpft und durchgedreht – fast wie dieser Woyzeck damals, vor 200 Jahren, als er von Georg Büchner wochenlang nur Erbsen zu essen kriegte, denke ich, und: bin ich jetzt wirklich wie Woyzeck, und werde ich am Ende dieses Experiments oder spätestens nach der nächsten Bundestagswahl vielleicht auch irgendwann hingerichtet, wenn Björn Höcke dann eines Tages Bundesjustizminister geworden ist zumindest? – „Volksverräter“ fluche ich und jage wie ein prophylaktischer Untoter durch den nächtlichen Auwald.

Es ist kurz vor Mitternacht. Mit letzter Kraft wähle ich Natascha-Lous Notfallnummer und winsele in mein Handy: „Volksverräter!“

„Komm einfach vorbei“ haucht Natascha-Lou beruhigend zurück und empfängt mich in einem psychedelischen Schlafanzug bei Kerzenlicht. Gleich hilft sie mir aus den panik-verschwitzten Klamotten, streicht sanft von oben nach unten über meine sämtlichen Chakren. Als sie beim Wurzelchakra ankommt, beginnen wir uns zu küssen, während im Hintergrund Rachmaninov oder Diamanda Galas läuft, und irgendwann flüstert sie mir ins Ohr, wo die Kondome liegen, und ich taste danach und versuche die Kondompackung aufzureißen, aber es geht irgendwie nicht, und irgendwie droht das, die Candlelight-Stimmung zu versauen. Und ich werde nervös, und Natascha-Lou fragt auch schon: „Kurt, was is‘n jetzt?“ – Und ich zerre noch einmal mit ganzer Kraft an der Plasteverpackung, und – …_das Kondom fliegt durch die Dunkelheit aus dem Zimmerfenster. Und ich will „Fuck!“ rufen – aber ich rufe: „Volksverräter!“

Stille im Raum! Ich halte den Atem an. Natascha-Lou hält den Atem an – zehn Sekunden lang. „Na geht doch!“ raunt sie dann in mein Ohr und beißt mich, und wir müssen beide lachen.

 

 

 

 

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Feng Shui machen in Plagwitz oder: Achte auf den ersten Impuls!

Feng Shui Haus1

Keiner weiß, wie es richtig geht

Feng Shui oder dieses Gedicht

hinter‘m Friedhof Plagwitz zu leben

zum Beispiel am Abend nach unserer Beerdigung

wenn die Geister uns einschließen in ihr Gebet

(in ihr Gehege) für morgen

unter den Sternen (der Spinnerei)

unendliche Ironie

oder Feng Shui eben

keiner weiß, wie es richtig geht

so wie Yoga oder Pizza auch, denken wir

all diese fernöstlichen Dinge

mitgebracht von unserer letzten

Kroatienreise nach Thailand oder Tunis oder Novalis oder Maracaibo

ein schönes Wort nach dem anderen oder

Club Mate zum Beispiel oder Feng Shui Sake

als Reiseziel eingebildet

– alles nicht von hier, denken wir

dieses Wissen darüber

was vor dem Tod kommt

was wirklich alles noch vor dem Tod kommt

eines Tages als Bohemiens

denken wir im Jetlag dieses Gedichts auf der Karl-Heine-Straße

mit Interflug oder Flix Bus

unterwegs nach Tokyo oder Weißenfels

wo Novalis begraben liegt

denken wir, unter der Erde

und keiner weiß wie es richtig geht

dieses Leben unter Tage

oder jeden Tag Feng Shui machen

im mitteldeutschen Braunkohlerevier.

Gondwana Land Lichterfest

Tiger mit Mondaugen_klein

oder: Kindergeburtstag mit Trompetenblume              (nach einer wahren Begebenheit)

„Gondwana Land mit Verkleiden bitte!“ jubelt mein Sohn Oskar euphorisch auf die Frage, wie er sich dieses Jahr seinen Kindergeburtstag wünscht. Ich bin etwas irritiert, checke zur Sicherheit aber schon mal fix die Höhe meines verbleibenden Dispo ab, in den sich Gondwanaland tief hineinzubohren droht wie das versunkene Atlantis – ein einziger finanztektonischer Mariannengraben – wie mein Leben überhaupt, sinniere ich…

„Aber schließlich wird man nur einmal im Leben acht Jahre“, wischt die Mutter von Oskar kurz darauf beim Planungsgespräch am Telefon alle meine existenzialistischen Bedenken weg – „und ich helfe dir auch selbstverständlich!“ – sagt sie auch noch, und als mir Oskar dann nach dem Abendessen sogar noch stolz sein 2.-Klasse-Hausaufgabenheft zeigt, in dem sich heute ausnahmsweise mal nicht diese in tiefem Lehrerinnen-Affekt-Rot geschriebenen Textpassagen mit den üblichen drei martialischen Ausrufezeichen am Ende zum Gegenzeichnen finden, sagt mein Emotionalkörper aus unerfindlichen Gründen und wider besseren Wissens „O.k“ und: „Dann wollen wir mal!“

Und gleich darauf schreiben Oskar und ich wirklich zusammen diese Einladung, auf deren Vorderseite mein Sohn am Ende einen Gorilla mit rotem Lichtschwert malt. Schon in diesem Moment hätte ich ahnen können, was auf mich zukommt… – Aber: die Welt ist ein erkenntnistheoretisches Wunder, wie Wittgenstein immer sagt, und ich frage also nicht nach, sondern kopiere die Einladung einfach neunmal und bete, dass alles im Großen und Ganzen schon seine Richtigkeit hat in diesem Universum trotz ISIS und EBOLA und TTIP… Und Oskar schreibt die Namen seiner besten Freunde aus der Klasse drauf auf die Einladungen: „Für Lukas Schmidt“, schreibt er, „für Arthur Palatschinski, für Roberto Schmidt, für Mesut Tarkan, für Paul Occupy-Schmidt, für Tung Nam Phong, für Kolja Lukaschenko, für Luise Panter und Luise Tiger“ – neun Namen, die ich von nun an niemals mehr in meinem Leben vergessen werde! – Aber das weiß ich in diesem Moment noch nicht!

Der Kindergeburtstags-Tag rückt heran. Oskars Mutter schickt mir am frühen Nachmittag eine SMS, sie käme von der Arbeit nun doch nicht rechtzeitig los heute, und ich solle nur ruhig schon mal vorgehen mit den Kids. – Und ich hole also die ganze Kindergeburtstags-Bande allein um drei Uhr aus dem Schulhort ab. Oskar und seine Freunde sind wundersamer Weise alle schon fix und fertig zum Abmarsch bereit und tragen überdimensionierte 100-Liter-Jack-Wolfskin-Rucksäcke auf ihren Schultern. Die Eltern der neun eingeladenen Kinder sind auch gekommen, um kurz noch die Ranzen ihrer Schützlinge abzuholen. Sie winken ihren Kindern hastig zu und verabschieden sich dann auch von mir, indem sie mir anerkennende Blicke zuwerfen und „Na dann!“ rufen oder: „Toi! Toi! Toi!“

Nur die Mama von Tung Nam Phong – Betreiberin des legendären Hanoi-Paradies-Imbiss „Lotusblüte“ auf der Zschocherschen Straße – fragt: „Oh, Hel Mondaugen, Sie wolle das wilklich alles alleine mache…?!“

„Nein, nein“ antworte ich beruhigend, „ich kriege gleich Verstärkung! – Wenn wir am Zoo sind, kommt Oskars Mutter dazu!“

Frau Nam Phong nickt noch immer ein wenig skeptisch, eilt dann aber mit leichtem Kopfschütteln zurück in ihr Geschäft. Wenigstens in diesem Moment hätte ich etwas ahnen müssen. Aber: „Na, was habt ihr denn da in den Rucksäcken?“ frage ich stattdessen ganz unschuldig interessiert und nur mal so zum ersten gemeinsamen Lockerwerden in die Kindergeburtstagsrunde.

„Ach, ist nur so die Verkleidung für später, keine Sorge, Herr Mondaugen, Alter, alles im Grünen Bereich!“, antwortet Lukas Schmidt stellvertretend für die ganze Gruppe und gibt dann das Handzeichen zum Aufbruch, woraufhin sämtliche Kinder plötzlich wie die Bekloppten loszurennen beginnen – Richtung Straßenbahnhaltestelle. Ich stehe für ein paar Sekunden starr da wie im Schock. Dann jumpe ich mit kollabierenden Lungen hinterher… Fünf Querstraßen und eine anschwellende Kaskade aus Reifenquietschen und Hup-Exzessen später habe ich die verdammte Kinder-Gang kurz vor Überquerung einer roten Ampel eingeholt und versperre ihnen keuchend und mit ausgebreiteten Armen den Weg.

Meine Nerven liegen blank. Mein Körper zittert bis in alle Kapillaren, mein Gehirn versucht seine sauerstoffunterversorgten Synapsen wieder zu verlinken, und ich brülle jetzt, wie ich noch nie in meinem Leben gebrüllt habe: „VERDAMMT! WAS FÄLLT EUCH EIN!?“ brülle ich, oder besser: will ich brüllen, aber ich kriege keinen einzigen Ton raus! Und unwillkürlich erinnere mich an den Moment, als mir eine ungarische Wahrsagerin in meiner Kindheit auf Wunsch meiner Eltern aus der Hand gelesen und prophezeit hat: „Die Junge hat grossszze Problem mit Autoritäts-Ausübung! – Kann mal später nix Polizist werden, nix Lehrer und nix Offizier!“

Und als könnten die Kinder um mich herum meine Gedanken lesen, schauen sie mich jetzt alle ein bisschen mitleidig an. Und mein Sohn Oskar tippt Lukas Schmidt kurz mit dem Ellenbogen gegen den Oberarm. Und dieser übernimmt daraufhin erneut das Kommando und ruft „So jetzt mal hier nicht wie ‘n Hammelhaufen, sondern alle ordentlich in Zweierreihe hinter’nander gestellt, und bei Grün jetten wir geordnet rüber wie eine Kampfgeschwader der Druidenarmee, klaro?! Wollen ja alle heil ankommen im Zoo oder?! Ausfälle schon vorher können wir uns nicht leisten! Da hat Oskars Alter mal echt fett recht!“ Spätestens in diesem Moment hätte ich ahnen müssen, was auf mich zukommt.

Bis wir an der Straßenbahnhaltestelle sind, hat sich mein emotionaler Aggregatszustand schon wieder halbwegs normalisiert, was sich allerdings erneut schlagartig ändert, als kurz nach dem Einsteigen in die Bahn plötzlich sämtliche Kids grüne und rote Laserschwerter aus ihren Rucksäcken zücken, und damit beginnen, wild  in Yedi-Sprache rumzuschreien und mit der imaginären Dunklen Seite der Macht zu fighten, wodurch wir innerhalb von zwei Minuten und trotz Rush Hour einen ganzen LVB-Waggon nur für uns alleine haben. Ich tue aber zur Sicherheit lieber so, als würde ich nicht dazu gehören, setze mich nach vorn zum Fahrer und murmele ein paar aufgebrachten Rentnern kopfschüttelnd zu: „Also die Eltern von denen, die müsste man mal in den Tagebau schicken, wie früher vor der Wende.“

An der Haltestelle ZOO skandiert Lukas Schmidt: „Alle Lichtschwerter einpacken und  aussteigen!“ Und während die Mutter von Oskar mich per SMS wissen lässt, dass sie leider immer noch nicht von ihrem Job loskäme, und ich nur mal schon mit den Kids in den Zoo reingehen solle, defilieren die Kinder in handzahmer Zweierreihe wie eine stille Kinderkreuzzugs-Prozession hinter mir her Richtung Zooeingang. Kurz bevor wir das Haupttor erreichen, pressen sich Paul Occupy-Schmidt, Kolja Lukaschenko und Luise Panter plötzlich eng an mich und versuchen ihre Gesichter in meinen Jackentaschen zu vergraben.

„Was ist denn mit denen los?“ frage ich verwirrt meinen Sohn Oskar, der hinter mir läuft.

„Papa, pst!“ flüstert Oskar zurück und deutet mit der Hand unauffällig auf eine fett rot umrahmte Fotoleiste direkt über den Zookassenhäuschen, auf der drei Kindergesichter zu sehen sind, und darunter steht mit dicken Lettern : „Lebenslanges Zooverbot für: Paul Occupy-Schmidt (acht Jahre), Kolja Lukaschenko (7 Jahre), Luise Panter (7 Jahre)!“ – Spätestens hier hätte ich wissen müssen, was auf mich zukommt…

Aber ich kaufe trotzdem die 10er-Gruppenkarte für den Extra-Supersparpreis von 299 Euro. Und wir schlendern – von der Zoo-Security bereits argwöhnisch beobachtet – Richtung Personenschleuse am Einlass, wobei ich mit Paul, Kolja und Luise in meinen Jackentaschen die Vorhut bilde, und gerade wollen wir unsere Tickets zur Entwertung in den Automaten schieben, um das Drehkreuz zu öffnen, da – …

„Wos ho‘m die‘n do in‘n Rucksäcken, Meester?“ stellt sich uns plötzlich so einer von diesen Zoo-Security-Leuten in den Weg.

„Och des is bloß n hormloser Kinderjeburtstoch – die Kids woll‘n ihr‘n Guscheltier‘n nur mol, ähem, ihre Verwondten im Zoo zeijschn!“ — antworte ich möglichst lässig in einer Mischung aus Anhaltinisch und breitem Gohliser Sächsisch, was dem Sicherheitstypen kurzzeitig die Sprache verschlägt und ihn irritiert beiseite driften lässt, so dass wir uns alle unbehelligt durchwinden können, und ich grinse der gesamten skeptischen Zoo-Security noch immer in die leeren Gesichter, währende ich mit den Kids schon um die nächste Hecke biege.

„ – Respekt, Herr Mondaugen, Alter! Oskar, dein Vater hat‘s echt drauf!“, ruft Paul Occupy Schmidt anerkennend. Und im nächsten Moment schlagen sich alle Kinder samt ihren Rücksäcken ins nächstgelegene Gebüsch – gleich da drüben bei den Flamingos, die jetzt aufgeregt auf einem Bein zu hüpfen beginnen wie Kängurus beim Eisprung. Und niemand hat eine Erklärung dafür, außer dass sie gerade in einem imaginären Kinosaal „Star Wars“ gucken vielleicht und das das dabei freigesetzte Adrenalin irgendwas Durchgeknalltes mit ihnen macht – und tatsächlich: Keine Minute später kehren, jenseits von Gut und Böse, zehn kleine verkleidete Star-Wars-Gestalten mit blinkenden Lichtschwertern aus dem Flamingo-Gebüsch zurück. – Und zwar: gleich vier Darth Vaders mit den Stimmen von Lukas, Arthur, Mesut und  Paul Occupy, zwei Luc Skywalkers alias Luise Panter und Luise Tiger, zwei Meister Jodas alias Kolja und Oskar, sowie C-3PO Roberto Schmidt und R2 D2 Tung nam Phong!

Ich versuche noch zu begreifen, in welchem Film ich jetzt schon wieder gelandet bin, da reckt Darth Vader Paul Occupy sein Schwert nach oben und brüllt: „Auf zum Lichterfest nach Gondwana-Land“ und alle anderen Star-Wars-Helden tun es ihm gleich und brüllen zurück „Auf zum Lichterfest!“ Und mein Sohn Oskar kickt dazu seinen Fußball in die Luft, den er irgendwie auch noch in seinem Rucksack reingeschmuggelt haben muss, und alle stürzen dem Ball nach Richtung Westen.

Spätestens in diesem Moment hätte ich es wissen müssen, was auf mich zukommt…

Aber ich bin wie hypnotisiert und kann erst hinterherlaufen, als der Ball nach sechs/acht eleganten Doppelpässen bereits in hohem Bogen mitten ins Eisbärengehege gesprungen ist – und die beiden Luc Skywalker-Luises mit ihren Lichtschwertern akrobatisch wie Panter und Tiger über die Brüstung und mitten zwischen die irritierten Eisbären jumpen, um den Ball zurück zu doppelpassen. Und ich schreie: „Kommt da raus! Kommt da sofort raus!“ Aber natürlich hört das keiner – nur die Alarmanlage am Gehege geht los, und zwei Wärter jagen um die Ecke, aber R2 D2 Tung Nam Phong hat schon den Fluchtweg ausgecheckt, und wir jagen durch ein ausgedehntes Heckenlabyrinth, springen über ein paar gewaltig hohe Zäune, bis wir plötzlich in einem savannen-artige Freigehege stehen, das aber eigentlich nicht für uns, sondern für Rhinoceros afrikanenis reserviert ist, und die zwei Exemplare gegenüber recken jetzt wirklich ungläubig ihre Nashörner in die Luft, um uns zu fixieren und nach unseren Berechtigungskarten zum Betreten dieses Geheges zu fragen, die wir natürlich nicht dabei haben, was nicht gut ankommt bei den Nashörnern, sehe ich gleich, als die jetzt auf uns zusteuern mit 60 km/h.

„Immer ruhig bleiben!“ rufen die zwei Luc Skywalker-Luises uns zu – „Wir lenken sie ab!“ Und tatsächlich springen Luise und Luise den Rhinocerossen jetzt mit doppeltem Saltomortale entgegen, benutzen deren verdutzte Hörner als Haltegriffe und springen im Rodeo-Stil auf deren Rücken.

„Mein Gott! Hört damit auf!“, schreie ich lautlos, aber einer der Darth Vaders aus meinem Trupp zieht mich unterdessen durch einen Seitenausgang in Sicherheit. Apropos Sicherheit: schon wieder stürzen irgendwelche Wärter oder Zoo-Securities um die Ecke, die aber zum Glück ihrerseits verfolgt werden… – und zwar von zwei lichtschwert-schwingenden Meister Jodas, die jeder auf dem Rücken eines Gorillas durch auseinanderstiebenden Besuchertrauben über den Zooweg jagen. Gefolgt von einer Horde Schimpansen. Mein Gott, ich ahne: Meister Joda Kolja und Meister Joda Oskar haben in der allgemeinen Verwirrung mittlerweile offenbar ganz Pongoland befreit.

Irgendwie ist dafür jetzt aber wieder unser ganzer Kindergeburtstagstrupp vollständig beisammen, und wir jagen um die Gehege bis wir an einem Eisstand vorbeikommen und Meister Joda Kolja von seinem Gorilla runter „Halt!“ brüllt und: „Jetzt gibt’s fett Eis für Alle! – No Limits, und Meister Mondaugen bezahlt!“ Ich keuche schwer und nicke. – No limits! Natürlich! Und ich hoffe, dass ich diese Kindergeburtstags-GANG damit erst mal eine Weile ruhig stellen und diese verdammte Zoo-Apokalypse doch noch aufhalten kann. – Noch zweieinhalb Stunden – bis 19 Uhr muss ich durchhalten, dann kommt die Dunkelheit und der Zoo schließt und die Party ist endlich vorbei, hoffe ich und röchle: „Nehmt nur so viele Kugeln wie ihr wollt, ich bezahle alles!“

– Aber der Eisverkäufer ist wegen der Gorillas heute unendlich zuvorkommend und wispert: „Nein, Nein, geht alles aufs Haus, nehmt so viel ihr wollt – heute ist Selbstbedienung!“ – Und mit diesen Worten setzt der feige Typ sich ab, indem er sich in das direkt hinter ihm gelegene Pinguin-Becken plumpsen lässt.

Darth Vader Paul Occupy-Schmidt bringt mir in der Zwischenzeit schon mal eine Kugel psychedelisch gemustertes Eis mit einer riesigen Blüte drauf. – „So Herr Mondaugen, Alter, jetzt entspann dich erstmal und iss ‘ne Kugel Eis mit Beilage!“

Und ich lecke vorsichtig daran und frage misstrauisch: „– was ist n das? Papageieneis?“

– „Nee, Engelstrompetenblumen-Eis, Herr Mondaugen – danach siehste die Welt endlich wieder mal n bisschen mehr mit Kinderaugen, Alter! – So und jetzt iss noch schnell die Blüte dazu…!“

Aber als ich die Engelstrompeten-Blüte heimlich wegschmeißen will, steht plötzlich Koljas Gorilla hinter mir und hilft mir mit hartem Griff bei der weiteren Nahrungsaufnahme.

Spätestens in diesem Moment hätte ich es wissen müssen, was auf mich zukommt…

Und tatsächlich – meine mentale Wahrnehmung beginnt sich langsam kinderpsychedelisch zu entspannen – als unser Geburtstagspartytrupp nach zehn Minuten wieder aufbricht…

Direkt vor uns leuchtet jetzt schon die Glaskuppel von Gondwana-Land. Darth Vader Mesut Tarkan und Darth Vader Lukas Schmidt machen noch schnell einen Abstecher ins Elefantenhaus und kehren mit zwei riesigen indischen Dickhäutern zurück, gerade als wir den Eingang von Gondwana erreichen.

In diesem Moment ruft mich Oskars Mutter an: „Ich kann hier auf Arbeit immer noch nicht weg leider. Wie läuft‘s bei Euch? Habt Ihr Euren Spaß? Ach ich wäre so gern dabei, Kurt, naja, du machst das schon!“

Und ich erzähle ihr von zwei Darth Vader-Kindern, die auf Elefanten reiten und vonMeister Joda alias Oskar auf dem Rücken eines Gorilla Eis essend und Pirouetten tanzend in der Eingangspforte von Gondwana-Land. Und Oskars Mutter freut sich über meinen Witz und legt auf… – während Darth Vader Paul Occupy uns bereits für das Entern von Gondwanaland strategisch aufzuteilen beginnt:

C-3PO Roberto Schmidt und R2 D2 Tung nam Phong sollen zu den Totenkopfäffchen, Lukas Schmidt und Arthur Palatschinski sollen sich um die Experimente mit den Piranhas kümmern. Ich selbst muss zusammen mit den Gorillas von Meister Joda Kolja und Meister Joda Oskar diese krasse Bootstour durch die Unterwelt machen und anschießend mit den beiden Luises Krokodilrücken-Surfing spielen, indem wir den immer wilder werdenden Viechern auf dem Wasser von Rücken zu Rücken springen. Luise Panter rutscht irgendwann aus und verschwindet in der schlammigen Brühe. Wenig später sehe ich, wie ein Krokodil ein Lichtschwert auskotzt. Luise Panter sehe ich nicht mehr. – Krass! Zwei Krokodilrückensprünge später ist auch die andere Luise verschwunden. Von überall her kommen jetzt Entsetzensschreie aus der Gondwana-Halle. Ich kotze in ein Piranha-Becken – als ich auf dessen Boden zwei Kinderskelette und zwei Lichtschwerter leuchten sehe. „Scheiße! Scheiße! Scheiße!“ fluche ich, als auch das Flusspferd drüben vorm Wasserfall eine Meister-Joda-Maske zwischen den Zähnen zerkaut. Das kann nur ein Alptraum sein, denke ich und schreie: Oskar, Kolja, Mesut Luisa, aber es kommt keine Antwort! – Nur von oben das irre Lachen der Totenkopfäffchen unter deren Baum ich die zerschmetterten Einzelteile von C-3PO und R2 D2 erkenne…

Und ich stolpere in Panik aus der Gondwana-Halle… Draußen setzt irgendwie vorfristig die Dämmerung ein… während ich wie ein Gespenst mit Fieber-Hallus und Schüttelfrost durch die wie leer gefegten Wege des Zoos drifte. Vor meinen Augen ein einziges paranoides Lichterfest. Verfolgungswahn oder Verfolgerwahn, denke ich und spüre, wie mein Charakterpanzer zu explodieren beginnt und meine EGO-Grenzen sich auflösen: Eine einzige erlebnispädagogische Apokalypse ist das hier, denke ich, wie eigentlich mein ganzes Leben, denke ich, und auch als Vater habe ich komplett versagt, denke ich und dass ich die wirkliche Bedeutung von Gondwana-Land oder Star Wars oder dem Stadtmarketing-Lichterfest nun endlich verstanden hätte mithilfe von Engelstrompetenblumen auf Eis und Koljas Gorilla. Mein Restkörper krümmt sich indessen in konvulsischen Zuckungen. Ich spüre, ich habe aufgegeben und irre somnambul Richtung Zooausgang – vorbei an deprimierten Kamelen, an durchgeknallten Löwen, Adlern und Schlangen mit leuchtenden Lichtschwertern oder Kindern im Magen… und ich beginne irgendwas Zoologisches von Nietzsche zu rezitieren aus dem Zarathustra, dass man wieder zum Kamel werden müsse, wenn man gesund werden wolle in dieser kaputten Gesellschaft… Und ich denke, ich werde verrückt, aber es ist eine Art Durchbruch, versucht Nietzsche mir einzureden, und ich wusste schon immer, dass ich seine Reinkarnation sein werde eines Tages oder wenigstens seine Schizophrenie. Aber auch ich muss untergehen, denke ich dabei völlig erschöpft und erblicke jetzt zum Glück am Wegesrand das Hinweisschild „Streichelzoo“ und darunter einen Pfeil nach links. Und: ja!, denke ich, spüre ich, ich will jetzt nur noch eins: gestreichelt werden, nur noch heulen und vergessen und gestreichelt werden und nichts weiter!!!

Und auf allen Vieren kriechend schleppe ich mich zu meinem letzten seelischen Transformationsmassaker an diesem irren Kindergeburtstagsnachmittags. Und endlich habe ich es geschafft mich einzusperren in diesem Streichelgatter zwischen Ziegen und Schafen beginne ich wirklich zu blöken oder zu meckern wie eine Ziege, gefesselt an den Pflock des Augenblicks.

„Du – bäh – musst – bäh – loslassen, Kurt – bäh –!“ blökt ein Schaf neben mir zurück, „Ich – bäh – weiß – bäh – wovon ich rede – bäh –, wir waren alle mal Eltern – bäh –!“

Und genau in diesem Moment schickt mir Oskars Mutter eine letzte SMS: „Wie läuft‘s? Bin jetzt fertig mit Arbeit.  – Wo soll ich hinkommen?“ „Komm zum Zooeingang“ tippe ich mit letzter Kraft in mein Handy und: „Bring bitte irgendwas mit, um die Eltern der anderen Kinder ein bisschen zu beruhigen. Details später.“ Dann ist mein Akku alle, und ich schmiere zusammen mit meinem Handy ab…

Als ich erwache, stehen sie alle um mich rum und streicheln meinen lädierten Körper: die Darth Vaders Lukas, Arthur, Mesut und Paul Occupy, die Luc Skywalkers Luise und Luise, die zwei Meister Joda Kolja und Oskar sowie C-3PO Roberto und R2 D2 Tung. Und sie fuchteln dabei fröhlich mit ihren Lichtschwertern, und mein Meister-Joda-Sohn Oskar sagt: „Papa, ach hier bist du! Wir haben dich schon überall gesucht, es ist um sieben, der Zoo macht gleich zu, und wir wollen doch keinen Ärger kriegen!“

– „GING GONG; der Zoo schließt in wenigen Minuten. Bitte begeben Sie sich zum Ausgang. Wir hoffen, Sie bald wieder als unsere Gäste begrüßen zu dürfen“ –

Und während die Ansage läuft, zieht sich die ganze Kindergeburtstags-Bande ihre Star-Wars-Verkleidung aus und versteckt die Klamotten samt Schwertern in ihren Rucksäcken. Dann schnappen die Kids mich unter den Achseln und schleifen mich hinter sich her zum Ausgang. Dort stehen schon wieder die aufgeregten Leute von der Zoo-Security und fragen jeden, der aus-checken will, ob ihm Darth Vader auf einem Elefanten oder Meister Joda auf einem Gorilla begegnet sei, und wir alle schütteln beinahe entschuldigend mit den Köpfen und gehen freundlich grinsend vorüber.

Und draußen vorm Zooeingang erwarten uns schon sämtliche Eltern und prosten uns fröhlich zu und die Mutter meines Sohnes hat also tatsächlich eine Art Sektempfang improvisiert, und die Eltern sind auch schon ein bisschen besoffen und hauen mir anerkennend auf die Schultern und rufen überschwänglich: „Also, wie Sie das gemacht haben, Herr Mondaugen, so ganz alleine, ich hätte mir das nicht zugetraut! Sind Sie so was wie Dschungelpädagoge. Oder waren Sie Kampfschwimmer bei der Bundeswehr oder bei der GSG 9? Oder Tigerbändiger im Zirkus Krone im vorigen Leben? Und haben Sie auch Ihre Krokodilpeitsche dabei? Oder wenigstens den schwarzen Dan in Judo oder KARATE?!“

Und ich sage: „Nein, liebe Eltern, ich bin nur ein Gefäß Gottes und erlebe all diese Dinge im Leben, um sie später aufschreiben und vortragen zu können. Ich bin Gondwanas Gedächtnis, könnte man sagen, ein einziges zerebrales Lichterfest auf meiner Großhirnrinde – Nietzsche meets Meister Joda! – wenn Sie verstehen, was ich meine… Ansonsten hilft nur Trompetenblumen-Eis. Fragen Sie Ihre Kinder oder den Apotheker!“

Und alle sehen mich an, als wäre ich ein bisschen irre!  …   – Wie immer.

Prepairing for Thursday: Bügelfalten der Vernunft

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Beim Bügeln gerade abwechselnd Leibniz‘ „Monadologie“ und Gilles Deleuze‘: „Die Falte“ gelesen: „Die ins Unendliche gehende Falte ist das Charakteristikum des Barock. Und zunächst differenziert er sie nach zwei Richtungen, nach zwei Unendlichen, wie wenn das Unendliche zwei Etagen besäße: die Faltungen der Materie und die Faltungen der Seele.“

Auflösung mit Leibniz-Bügeleisen-Performance am Donnerstag im Noch besser leben / Leipzig

 

27.10.2016, 20 Uhr, Noch besser leben, Leipzig / Philosophischer Salon #1: „Die beste aller möglichen Welten!“ – Realität, Utopie, Verdrängung?

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Mit Jan Kuhlbrodt, Linn Penelope Micklitz und Kurt Mondaugen; Support: Dannek (Klavier), Videoinstallation:  Konstantinos-Antonios Goutos

Aus Anlass von Gottfried Wilhelm Leibniz‘ 300. Todestag bringen die drei Leipziger Philosophen/Literaten/Performer Jan Kuhlbrodt, Linn Penelope Micklitz und Kurt Mondaugen die berühmte These von Leibniz, dass wir in der besten aller möglichen Welten leben, live zur EXPLOSION – musikalisch kongenial unterstützt vom legendären Lesebühnen-Pianisten Dannek. Danach wird interaktiv und zusammen mit dem Publikum seziert: Wieviel Realität, wieviel Utopie und wieviel Verdrängung steckt heute in Leibniz‘ Behauptung? Spoken Word Philosophy meets Poetry! – Also nichts wie her mit dem hermeneutischen Surfbrett, Dr. Pangloss!

Dazu zeigt der Videokünstler Konstantinos-Antonios Goutos seine außergewöhnliche     (Leibniz-)Videoinstallation: „natura non saltum facit.

 

Der Veranstaltung werden 2017 unter dem Titel “Soundcheck-Philosophie-Salon” im Noch besser leben weitere interaktive Salonabende an der Schnittstelle von Philosophie und Kunst folgen.

 

Ort: Noch besser leben, Leipzig-Plagwitz, Merseburger 25/Ecke Karl-Heine-Straße

Beginn: 20 Uhr

Eintritt: frei

Eine Veranstaltung im Rahmen des Leipziger Literarischen Herbstes 2016

Weitere Informationen:   http://www.leipziger-literarischer-herbst.de/

www.kurt-mondaugen.dewww.sinnstudio.wordpress.com   / https://postkultur.wordpress.com  / www.linn-micklitz.de

konstantinosantoniosgoutos.wordpress.com

I have a Dream: Frauke Petry!

AFD

Und eines Tages, kurz nachdem die Alternative für Deutschland am 30. Januar 2017 durch irgendein Ermächtigungsgesetz endlich wirklich die Macht in Deutschland übernommen hätte, und kurz nachdem die AFD-Führung mit treuer Hilfe der zur Schutzstaffel umbenannten Sächsischen Polizeitruppen alle Dönerläden in ganz Deutschland arisiert und alle demokratischen Parteien verboten und deren Anführer ins KZ gesteckt hätte, und kurz nachdem dann auch innerhalb der AFD-Regierung die ersten Machtkämpfe ausgebrochen wären und man plötzlich auch in der AFD mit innerparteilichen Säuberungen begonnen hätte, und kurz nachdem dann sogar Frauke Petry plötzlich aus der Partei ausgeschlossen worden wäre, weil sie sich geweigert hätte, den Eid auf den großen Führer Björn Höcke zu leisten, und man ihr deswegen mit Verhaftung und Folter gedroht hätte, wenn sie noch ein einziges Mal versuchen würde, das Maul aufzumachen, und wenn Frauke Petry dann vor lauter Angst sich gezwungen fühlen würde, Deutschland zu verlassen und ins Exil zugehen und dazu die verdammte Balkanroute gen Südosten nehmen müsste, weil mittlerweile ganz Europa nur noch von nationalistischen Diktatoren beherrscht sein würde, die keinem einzigen Flüchtling, woher auch immer er oder sie auch käme, mehr Asyl gewährten, und weil das letzte Land der Welt das überhaupt noch Flüchtlinge aufnehmen würde, die Türkei sein würde, und kurz nachdem Frauke Petry, dann also nach drei Wochen Flucht mit einem zerrissenen Breuninger-Kleid in einer kalten Märznacht 2017 versuchen würde, die Grenze – sagen wir nach Ungarn – zu überschreiten, würde irgendeine ungarische Grenzpatrouille auf Ungarisch dreimal hintereinander „Halt stehen bleiben“ rufen und dann einfach mal drauf halten auf das Asylantenpack, das da illegal über die Grenze einzudringen versuchte, so wie Viktor Orban es ihnen befohlen hätte. Und während Frauke Petry mit einem Magendurchschuss röchelnd irgendwo wie ein Wildschwein im Unterholz der Puszta verblutete, würde sie plötzlich beginnen noch einmal ganz neu über Sinn und Unsinn des Schießbefehls gegen Flüchtlinge im Schengen-Raum nachzudenken. Und bestimmte Synapsen in ihrem Gehirn würden sich auf einmal wirklich ganz neu verschalten, und während die Grenzer von Viktor Orban sie schon aufgespürt hätten, um ihr den finalen Fangschuss zu geben, würde sie ihnen röchelnd mit letzter Kraft entgegenrufen: „Kein Mensch ist illegal“

– Aber: Pech gehabt! – Befehl ist Befehl! – I have a Dream, Frauke Petry!