Die Machtfrage

Bild Machtfrage klein

Domm! … Domm! … Do-Dommm! … Domm! …

„Da haben wir den Salat, Kurt“, flüstert meine therapeutische Freundin Natascha-Lou Salomé. Sie ist mit einer Rot-Kreuz-Binde um den Arm und einem Beutel voll Inkontinenz-Windeln in der Hand im Schatten der Dunkelheit von hinten zu mir herangerobbt. Über uns hinweg pfeifen Gummigeschosse und auch immer mehr echte Kugeln und sogar Mörser, die in die Fassade des Mietshauses hinter uns einschlagen.

„Ja, da haben wir den Salat“ flüstere ich kleinlaut zurück und meine Stimme zittert. Es ist kurz vor Mitternacht, und ich fürchte wirklich, dass ich mich vor Angst gleich einscheißen werde, denn dies hier ist keine Laser-TagVeranstaltung und auch kein Computerspiel, sondern ich liege hier tatsächlich mit ein paar dutzend anderen Hipstern, Gentrifizierungsgegnern, Salonrevolutionären, Anarchisten, Kommunisten und Klima-Rebellen unter echtem Feuerbeschuss – schlotternd und nur notdürftig bewaffnet hinter einer spontan errichteten Straßen-Barrikade an der Karl-Heine-Straße/Ecke Merseburger in Plagwitz. Und wir versuchen, die vor nicht einmal 24 Stunden – nach einem außer Kontrolle geratenen Diskussionsabend im Salon des Noch besser leben – spontan ausgerufene Freie Autonome Räte-Republik Plagwitz/Lindenau vor den heranrückenden bis an die Zähne bewaffneten Truppen des sächsischen Innenministeriums und den mit ihnen verbündeten Freikorps von Pegida aus Dresden zu verteidigen. Aber die sind leider in zehnfacher Übermacht.

Und während Natascha-Lou mir jetzt also im Liegen die Windelhose überstreift, um mich vor den peinlichen Folgen des Einscheißens im Barrikadenkampf zu bewahren, und dabei leicht vorwurfsvoll den Kopf schüttelt, denke ich, dass ich mal lieber wirklich gestern hätte auf sie hören sollen, als sie am frühen Abend an meiner Wohnungstür klingelte und mich eindringlich davor gewarnt hat, aus Anlass des 100. Jahrestages der Novemberrevolution diesen Philosophie-Salon im Noch besser leben anzuzetteln – mit dem Titel „Demokratie und/oder Revolution? – FRAGEZEICHEN“. – „Kurt, man weiß nie, was bei so einem Thema für Leute auftauchen, um sich mal gegenseitig die Meinung zu sagen oder um Stimmung zu machen oder um irgendwelchen Aufruhr zu stiften“, hat Natascha-Lou gesagt, „und von wem das dann alles im Hintergrund beobachtet oder gelenkt oder instrumentalisiert wird. – Verfassungsschutz, KGB, CIA – Das weiß man in solchen Fällen nie genau, Kurt. Und die psychologische Eigendynamik von solchen Veranstaltungen ist sowieso unkalkulierbar. Und am Ende gibt es Mord und Totschlag, wie 1918/1919. Echt, lass das mal lieber!“

„Ah: no risk – no fun!“, hab‘ ich Natascha-Lous Warnung gestern Abend flapsig in den Wind geschlagen. „Wir leben doch in einer Demokratie, da muss man doch echt mal noch über alles öffentlich reden oder philosophieren dürfen!“ Und dann hab‘ ich sie stehen lassen und bin zusammen mit einem meiner besten Plagwitzer Bohemien-Freunde, der sich den expressionistischen Kampfnamen Ernst Toller gegeben hat, Richtung Noch besser leben aufgebrochen.

Und obwohl noch über eine Stunde Zeit war bis zum offiziellen Veranstaltungsbeginn, war der Laden als wir ankamen schon rappelvoll und die Stimmung irgendwie … aufgeheizt. Und spätestens da wäre die letzte Chance gewesen, die ganze Sache abzublasen, aber naiv wie ich war, habe ich stattdessen das Mikro angeschlossen und angefangen drauflos zu sprechen, dass wir aus Anlass der Revolution von 1918 heute mal ganz unvoreingenommen über das Verhältnis von Demokratie und Revolution an sich diskutieren wollen und dass jeder seine Meinung dazu freimütig äußern dürfe, weil das sei ja die Grundvoraussetzung für jedes Philosophieren und ob es jemanden im Raum gäbe, der das Gefühl hätte, wir würden heute auch gerade mal wieder irgendwie in einer Art revolutionären oder wenigstens vorrevolutionären Situation leben so wie damals 1918 oder 1989 und ob es nicht auch in einer Demokratie wie dieser hier nötig sei, sie immer mal wieder  revolutionär aufzufrischen…

Und schon brach der Sturm los. Jemand pfiff laut durch die Zähne, schwenkte das Kommunistische Manifest durch die Luft, und rief „Fuck Kapitalismus! Wir haben nichts zu verlieren, als unsere Ketten!“ Und dabei er zerriss demonstrativ seinen aktuellen Hartz IV-Bescheid und anschließend wegen des Dieselskandals auch noch die auf A4-Zettel ausgedruckten Logos sämtlicher deutscher Autokonzerne. Ein zweiter Salonbesucher reckte Stéphane Hessels „Empört Euch!“-Manifest in die Höhe und skandierte: „Neues schaffen heißt, Widerstand leisten. Widerstand leisten heißt, Neues schaffen.“ Und dann zerriss er das aktuelle Mieterhöhungsschreiben für seine Wohnung und anschließend nacheinander die Logos von Facebook, Google und Amazon. „Scheiß-Datenkapitalismus!“

Und ein kleiner alter Mann mit spitzem Bart, der ein bisschen wie eine Mumie aussah, skandierte: „Man müsste die alle an die Wand stellen!“, während ein Vierter unter allgemeinem Gejohle die Gesammelten Schriften von Bakunin und ein Fünfter gar das Grüne Buch von Gadaffi durch die Luft schwenkten.

Bis sich eine Frau meldete und mit betont friedvoll gedimmter Stimme erklärte, sie sei GFK-Trainerin und prinzipiell eher so gegen Gewalt – egal ob mit Waffen oder mit Worten – und man würde doch sehen, wo das am Ende immer hinführt: Gulag oder KZ. Und das mit dem ‚An-die-Wand-stellen‘ sei im Übrigen sowieso nur so ein beklopptes Männerding aus dem vorigen Jahrhundert. 1989 hätten sie das schließlich auch alles ohne Schießen und Gewalt hingekriegt: ‘ne friedliche Revolution, die eine beschissene Diktatur eins, zwei, fix in eine Demokratie verwandelt hat, sagte die Frau, die natürlich Natascha-Lou war, wie ich erst jetzt checkte.

Und für einen kurzen Moment hielt die Salon-Versammlung tatsächlich schweigend und irgendwie nachdenklich inne, bis der kleine Mumien-Mann mit Bart leise aber bissig antwortete: „… und wo hat das mit 1989 hingeführt: zu Hartz IV und Gentrifizierung und Bienensterben. Schöne friedliche Revolution war das!“ Und schon sprang jemand aus der Gießer 16 zum Mikrofon und rief: „Jawoll und Demokratie hin oder her!“ – Er heiße Gustav Landauer, sei lokaler Anarchist der ersten Stunde, und er müsse sich jetzt ausnahmsweise mal selbst zitieren, beziehungsweise das, was er schon 1919 bei der revolutionären Errichtung der Münchner Räterepublik ausgerufen habe:

„Sorge jede Generation tapfer und radikal für das, was ihrem Geist entspricht, es muss auch später noch Grund zu Revolutionen geben; und sie werden dann nötig, wenn neuer Geist sich gegen starr gewordene Residuen verflogenen Geistes wenden muss […]. Das brauchen wir wieder: eine Neuregelung und Umwälzung durch den Geist, der nicht Dinge und Einrichtungen endgültig festsetzen, sondern der sich selbst als permanent erklären wird. Die Revolution muss ein Zubehör unserer Gesellschaftsordnung, muss die Grundregel unserer Verfassung sein.“

Woraufhin der ganze Raum wild zu applaudieren begann. Der kleine Mann mit dem Bart hatte inzwischen die Fenster zur Straße hin aufgerissen, so dass sich unten eine kleine Menschenmenge vorm Noch besser leben zu versammeln begann, die schnell größer wurde, weil wegen des Krachs auch die Besucher_innen sämtlicher umliegender Plagwitzer Hipster-Kneipen herbeigeströmt kamen und einfach mal spontan mitapplaudierten, obwohl sie noch gar keine Ahnung hatten, worum es hier ging, aber so sind Hipster eben.

Und dann schnappte sich der kleine Mann mit Bart selbst das Mikrofon, schob die Lautsprecherboxen auf die Fensterbank und skandierte: „Leute, lasst euch nicht verarschen, am Ende geht es doch immer nur um die Macht!“ Und er sei Berufsrevolutionär und heiße mit Kampfnamen – nun ja – Lenin, und er wäre gerade erst vor zwei Stunden mit einem verplompten Eisenbahnwaggon von seinem Moskauer Mausoleum kommend auf dem Bahnhof Plagwitz eingelaufen, und nur deswegen sähe er vielleicht so komisch aus. Und dass die ganze Demokratie überhaupt und auch das, was wir hier gerade so veranstalten würden, nur so eine verdammte Schwatzbude sei, und dass für philosophisches Salon-Gelaber verdammt noch mal jetzt keine Zeit mehr bliebe! „– Die Welt ist am Abkacken, Leute, wegen dem Scheiß-Kapitalismus! Spürt Ihr das nicht alle, Dudes und Towarischi‘s?“ Und Lenin stand im Fensterrahmen, starrte mit funkensprühenden Augen abwechselnd zu uns in den Salonraum und runter zu den Volksmassen auf der Straße und schrie sich immer mehr in Rage: „Wir müssen jetzt unverzüglich handeln“, schrie er wie damals vor hundert Jahren in Petrograd und dass die Befreiung der Unterdrückten unmöglich sei ohne Vernichtung des Staatsapparats der herrschenden Klasse. – „Die Ablösung des bürgerlichen Staates durch den proletarischen ist ohne gewaltsame Revolution unmöglich.“

Und die Volksmassen unten auf der Straße und oben im Salon jubelten ihm zu, zumindest ein wenig. Und ich als Moderator des Abends fühlte mich jetzt doch irgendwie ein bisschen verantwortlich für die ganze Sache und dass sie nicht aus dem Ruder liefe und wollte zu bedenken geben, dass ich Lenins Darstellung der Lage ein ganz klein bisschen unterkomplex fände. Wegen der aufgeheizten Stimmung versuchte ich es dann aber doch lieber mit einem spontan selbst ausgedachten selbstironischen Bohemien-Revolutionslied. Und das Lied hieß:

 

Lob des Kommunismus – oder: Wir werden die Macht übernehmen

 

Wir werden die Macht übernehmen

Gleich am Montag und alles wird gut

Und wir werden euch im Geschichtsbuch erwähnen

Wenn ihr es zusammen mit uns tut

 

Wir werden die Macht übernehmen

Von dem verdammten Finanzkapital

Und wir werd’n den Scheiß-Managern sagen

Jungs, das war’s dann erstmal.

 

Wir werden die Macht übernehmen

Wie einst Lenin und Mao Tse Tung

Und wir drehen ganz laut die Sirenen

Für die Kollektivi-hi-hihi-hihierung

 

Die Kollektivierung des Bieres

Und die Kollektivierung der Frau’n

Die Kollektivierung der Gedanken

Vielleicht auch, da werd’n wir noch mal schau’n

 

Wie’s dann aussieht, wenn alle gleich aussehen

Und wenn ihr auch alles voneinander wisst

Jedenfalls: es kann alles nur besser werden

Wenn das Machtding neu geregelt ist

 

Darum lasst uns die Macht übernehmen

Gleich Montagfrüh und alles wird gut

Schnell bevor wir’s uns recht überlegen

Und bevor’s jemand anderes tut.

 

 

Aber die Leute schienen das mit der Ironie in dem Lied nicht zu verstehen, denn kaum hatte ich geendet, brach ein krasser Jubelsturm los. Und Lenin küsste mich und riss mir zugleich das verdammte Mikro aus der Hand und brüllte: „Nicht erst bis Montag warten, Leute, Dudes!  Jetzt gleich! Auf zum Polizeirevier Plagwitz! Entwaffnen wir die Scheiß-Staatsmacht, für immer! Genossen! Towarischi`s!“

 

 

Teil 2

Die Machtfrage / Teil 2

Und schon fünf Minuten später lief unser revolutionärer Demonstrationszug mit mir und Lenin an der Spitze singend – „… wir werden die Macht übernehmen…!“ – und schunkelnd die Weißenfelser Straße runter zum Plagwitzer Bullen-Hauptquartier. Die Bullen waren mit dem nächtlichen Auftauchen von ein paar hundert machthungrigen Hipstern und Salonrevolutionären samt kommunistischer Mumie an der Spitze völlig überfordert und händigten Lenin persönlich sofort all ihre Waffen und Schlagstöcke aus, um sich anschließend schleunigst in Zivilkleidung Richtung Kleinzschocher abzusetzen. Und der ganze Revolutionszug brach deswegen erneut in ohrenbetäubenden Jubel aus. Und jemand brüllte: „Zurück zum Noch besser leben!“ Und: „Schließt Euch an!“ Und: „Freibier für alle!“ – Woraufhin die ganze Revolution schnell auf über tausend Leute anwuchs, die schließlich in einem finalen Jubelsturm endete, als Lenin persönlich punkt 24 Uhr vom Erker-Fenster des Noch besser leben aus auf der Karl-Heine-Straße den Sieg der Revolution und die Errichtung der Freien Autonomen Räterepublik Plagwitz-Lindenau verkündete. Und dann ernannte er sich selbst zum Volkskommissar für Bewaffnung und Verteidigung, und meinen Freund Ernst Toller zum Volkskommissar für Re-Gentrifizierung, Freibier, Soziales und alles Andere und mich zum Volkskommissar für Kampflieder – und das Noch besser Leben zum Sitz des Zentralrats der Revolution. Und dann wir feierten wir die ganze Nacht.

Am nächsten Morgen begann um sieben Uhr früh die Arbeit, weil Lenin das so bestimmt hatte und tatsächlich schon ein Haufen Leute vor der Tür standen, die alle irgendwas von uns als Revolutionsrat wollten. und die meisten wollten natürlich Ernst Toller sprechen, weil der nach Lenins Ressortaufteilung eigentlich für alles zuständig war, was nicht mit Kampfliedern oder Waffen zu tun hatte.

– Mein Job bestand erstmal nur darin, die Revolutions-Hymne noch einmal live für einen illegalen anarchistischen Plagwitzer Radiosender einzusingen. Anschließend musste ich ein paar Autogramme für die üblichen Revolutionsgroupies aus Connewitz, Reudnitz und aller Welt schreiben, die inzwischen eingetrudelt waren. Kurz vor Mittag war mein Job erledigt und ich ging nach Hause, um meinen Rausch auszuschlafen. Aber irgendwann am späten Nachmittag klingelte mich Ernst Toller aus dem Bett und flehte mich durchs Telefon an, bei ihm sei Land unter und ich möge doch schnell ins NBL zurückkommen, um ihm mit den ganzen Besuchern zu helfen, die alle etwas von ihm und der Revolution wollten. Und es sei inzwischen genau wie damals in München 1919, als er schon einmal so einer Autonomen Räterepublik vorgestanden hat. Doppelpunkt:

„In den Vorzimmern des Zentralrats drängen sich die Menschen, jeder glaubt, die Räterepublik sei geschaffen, um seine privaten Wünsche zu erfüllen. Eine Frau möchte sofort getraut werden, bisher hatte sie Schwierigkeiten, es fehlten notwendige Papiere, die Räterepublik soll ihr Lebensglück retten. Ein Mann will, dass man seinen Hauswirt zwinge, ihm die Miete zu erlassen. Eine Partei revolutionärer Bürger hat sich gebildet, sie fordert die Verhaftung aller persönlichen Feinde, früherer Kegelbrüder und Vereinskollegen. Verkannte Lebensreformer bieten ihre Programme zur Sanierung der Menschheit an […]. Die einen sehen die Wurzel des Übels im Genuss gekochter Speisen, die anderen in der Goldwährung, die dritten im Tragen unporöser Unterwäsche […].“

„O.K.“, murmelte ich, und beschloss, meinen Freund Ernst Toller mal nicht hängen zu lassen, weil er mich auch schon öfter mal nicht hängen gelassen hatte und mir zum Beispiel regelmäßig als Ghostwriter aushilft, wenn mir für ‘nen Auftritt mit der Lesebühne Schkeuditzer Kreuz mal kein eigener Text einfällt. Und ich machte mich also mit müden, noch halb zugekniffenen Augen wieder auf den Rückweg zum Noch besser leben.

Aber schon, als ich da ankam, sah ich, dass Lenin vorm Eingang des Revolutions-Hauptquartiers Waffen an Freiwillige verteilte, und ich ahnte nichts Gutes. Und unversehens drückte Lenin auch mir eine Schreckschusspistole und Pfefferspray aus den geplünderten Plagwitzer Polizeibeständen in die Hand. Und er befahl mir, ich solle mit den anderen Freiwilligen der revolutionären Garde an der nächsten Straßenecke fix eine Barrikade errichten, denn von Kleinzschocher her würden schon die schwer bewaffneten marodierenden Nazi-Freikorps von Pegida und das Dresdener Innenministeriums anrücken, um unsere junge Räterepublik zu liquidieren. Und wir sollten in jedem Fall zurückschießen, und keinen Fußbreit zurückweichen, das seien wir unserer Sache schuldig, rief Lenin auch noch, während er selbst in Richtung Bahnhof Plagwitz davoneilte, um etwas Wichtiges zu erledigen, wie er mir von Ferne noch winkend zurief und dabei die Melodie von „Wir werden die Macht übernehmen“ durch die Zähne pfiff. Und in diesem Moment hatte ich das ungute Gefühl, dass ihn gestern vielleicht doch der CIA oder der KGB oder Georg Maaßen oder alle drei zusammen in Plagwitz eingeschleust hatten, um diesen ganzen bekloppten Umsturzversuch hier auszulösen und um endlich mal einen Grund zu haben, so richtig draufschlagen zu können.

Und deshalb liege ich jetzt also hier zusammen mit den anderen verbliebenen Salonrevolutionären von gestern und mit Natascha-Lou als Rot-Kreuz-Helferin hinter der verdammten Barrikade und die Schüsse und die Detonationen der Mörsergranaten kommen immer näher: Domm! … Domm! … Do-Dommm! … Domm! … Dommmmmmm!

– Und gerade eben, beim letzten Dommmmmmm! habe ich mich wirklich vor Angst eingeschissen. Und ich danke Natascha-Lou leise aber mit Inbrunst dafür, dass sie mich kurz zuvor frisch gewindelt hat. Und ich greife ihre Hand und flüstere ihr zu, sie solle um Himmels Willen jetzt nicht weggehen oder wegrobben und dass ich doch eigentlich immer schon innerlich Pazifist gewesen sei oder höchstens Salonrevolutionär und nix mit Waffen am Hut gehabt hätte, noch nie, das wisse sie doch auch…!

Aber in diesem Moment schlägt ein Granate direkt in der Barrikade vor uns ein und  zwei Dutzend Mörserschrapnells pfeifen nur ein paar Zentimeter neben unseren Köpfen vorbei, und wir hören, wie die Leute links und rechts von uns wie am Spieß zu schreien beginnen. Und ich flehe Natascha-Lou an: „Kannst du denn gar nichts tun, verdammt – so als Therapeutin für gewaltfreie Kommunikation?! Fällt Dir nicht irgendwas ein, um das Blutbad hier zu beenden?! … Ein Bed-Infür-den-Frieden zum Beispiel, wie damals Yoko Ono mit John Lennon gegen den Vietnamkrieg!?“

Aber Natascha-Lou verdreht nur genervt die Pupillen. „O.k., ich robb‘ jetzt mal besser zurück, Kurt, du mein mutiger Volkskommissar!“ Dann schaut sie mir aber doch noch ein letztes Mal lange und tief in die Augen, während der Mörserhagel immer infernalischer wird: Dommmmmmm! Dommmmmmm! Dommmmmmm! Dommmmmmm! – Und ich werde diesen Blick mein Leben lang nicht mehr vergessen, denke ich in diesem Moment. Aber mein Leben wird sowieso keine fünf Minuten mehr dauern, denke ich im nächsten Moment gleich hinterher, und eine Träne rollt mir übers Gesicht.

Und eine Träne rollt jetzt auch über Natascha-Lous Gesicht. „Na gut“, flüstert sie, „ich kann Euch ja hier wirklich nicht alle einfach so verrecken lassen!“ Und sie denkt kurz nach, ihre Pupillen rollen wild in den Augenhöhlen, und dann ruft sie laut und schon halb mit  Obertongesang: „Ich glaube, da kann nur Schamanismus helfen oder eine Bewusstseinsrevolution oder Karl Marx. Oder am besten alles Drei‘s zusammen.“

Und sie wirft sich ein Kostüm aus Rabenfedern und einen Blauhelm mit Elchgeweih über, erklimmt mitten im Kugel- und Granatenhagel die Barrikade und deklamiert, während die Mörser und Gewehrschüsse plötzlich verstummen und stattdessen weißer Beifußrauch aufsteigt, die berühmte schamanistische Beschwörungsformel des bekanntesten Revolutionstheoretikers der Weltgeschichte:

„Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter unmittelbar vorgefundenen, gegebenen und überlieferten Umständen. Die Tradition aller toten Geschlechter lastet wie ein Alp auf dem Gehirne der Lebenden. Und wenn sie eben damit beschäftigt scheinen, sich und die Dinge umzuwälzen, noch nicht Dagewesenes zu schaffen, gerade in solchen Epochen revolutionärer Krise beschwören sie ängstlich die Geister der Vergangenheit zu ihrem Dienste herauf, entlehnen ihnen Namen, Schlachtparole, Kostüm, um in dieser altehrwürdigen Verkleidung und mit dieser erborgten Sprache die neuen Weltgeschichtsszene aufzuführen.“ (Karl Marx: Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte, Vorrede zur 3. Auflage, MEW, Band 8, S. 115)

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Alles über Wald / Sommer 2018

 

wald und mondaugen

Hitze, Hitze, Hitze, dieser Sommer ist eine verdammtes Hitzenirwana und das einzige was einem bleibt, ist eine kleine Sommerdepression mit zugezogenen Vorhängen oder unter die Dusche zu gehen oder irgendwelche Geschichten zu schreiben, in denen diese Hitze nicht vorkommt, Geschichten, in die man endlose Regengüsse und Gewitterstürme zu therapeutischen Zwecken hineinschicken oder die einen zur Abkühlung tief in den Wald oder in den eigenen Schatten hineinführen wenigstens oder beides oder alles zusammen. Aber man schafft es nicht, man döst mitten im Schreiben immer wieder weg zwischendurch wegen der verdammten Hitze und die Texte, die in diesem Sommer 2018 entstehen, werden alle irgendwie porös, kriegen irgendwelche beinahe schamanistischen Leerstellen: Perforiertes Bewusstsein im Plot, unerklärliche Handlungsbrüche, das plötzliche Auftauchen und ebenso plötzliche Wieder-Verschwinden von Gegenständen, Dingen und Menschen, die in unserem Leben eine Rolle spielen oder eben keine Rolle mehr spielen und deren Verknüpfungen man sich als Leser oder Zuhörer dieser überhitzten Texte am Ende selber mit der eigenen Phantasie zusammen-imaginieren muss. Texte wie dieser hier  zum Beispiel entstanden in diesem delirierenden Sommer 2018:

 

Alles über Wald – Ein Hitzetrip in 7 Akten

 

Alles über Wald 1:

Sex und Drugs in den Fichten – Ein Gedicht

Schlaf mit den letzten Koniferen

Bevor der Waldbrand kommt

Und wenn du denkst, dass sie es wären

Und wenn du denkst, dass sie es wären

Schlaf mit den letzten Koniferen

Bis auch du so ein krasses Nadelkleid bekommst

 

Zeichen Dusche Wald_klein

Alles über Wald 2:

Wald als Eigenschaft

Eichen, Eschen, Erlen, Linden, Buchen, Fichten, Kiefern, Lärchen, Tannen

Die am meisten unterschätzte

Eigenschaft in uns allen

Ist Wald

Ist Waldboden voller Laub oder Kiefernnadeln

& ist eine waldige Kupfersaal-Festbeleuchtungs-Lichtung im Morgengrauen

Und ist Erinnern an endlos kühle Regenschauer

Unter den tropfenden Koniferen unserer Kindheit oder Jugend

In der Provinz

die wir jahrelang überdauerten

Mit Waldakrobatik und Dehnungsübungen,

und später mit erstem hilflosem Sex

zerstochen auf diesem Waldboden

von Mücken und Kiefernnadeln

gegen den waldumstandenen Horizont

der deutschen Provinz

und dabei groß wurden

irgendwo im Wald hinter Köthen oder Chemnitz

und selber benadelte Koniferen wurden und irgendwann

doch weggingen aus diesem Wald

in die große Stadt

um uns selbst besser kennenzulernen

oder um irgendwas mit Medien zu studieren

oder Popkultur erinnern wir uns

wie wir dem Wald leise

„Abschied“ sagten „- ist ein scharfes Schwert!“ –

mit einer zerkratzten Schallplatte aus dem Plattenschrank unserer Eltern

Roger Whittaker

damit er nicht traurig wäre

oder weggebaggert würde

dieser Heimat-Wald in der deutschen Provinz

inzwischen wegen der ganzen Braunkohle

ein paar Winter lang oder Jahrzehnte lang später

als wir dann nicht mehr zurückkehrten

und am Horizont der Großstadt vom Café Waldi aus zu sagen lernten,

mit einem Gin Tonic in der Hand

gechillt und semantisch reflektiert

zu sagen lernten – DOPPELPUNKT:

„Wald ist nur ein Wort

mit vier Buchstaben

so ähnlich wie GOTT!“

 

 

Alles über Wald 3:

Waldausflug oder In-die-Pilze-gehen – eine wahre Begebenheit

Wald ist nur ein Wort, denken wir, mit vier Buchstaben – so ähnlich wie GOTT – und nur auf Deutsch auszusprechen, ein deutscher Wald mit deutschen Gefühlen, denken wir in diesen Sommer im Bett liegend, meine Freundin Natascha-Lou und ich, in der Hitze unseres Zimmers, fünf Stockwerke über Plagwitz oder Connewitz oder Reudnitz bei 37 Grad im Schatten, und erinnern uns wehmütig zurück an den dunklen Wald unserer Kindheit, hinter Köthen oder Chemnitz. „Alles Gute kommt aus dem deutschen Wald“, sagen sie gerade in der Tagesschau in Chemnitz, mit arischer Blutlinie.

„Mit deutschen Gefühlen zurechtkommen bei dieser Hitze – auch dafür ist Wald ein Wort, murmle ich.

„Wie Hitze eigentlich auch nur ein Wort ist?“ – murmelst du – oder hoffst du vergeblich diesen ganzen Sommer lang, apathisch bei 37 Grad im Schatten, zusammen mit mir auf dem Bett dösend in der Gluthitze über Plagwitz oder Connewitz oder Reudnitz! Und es gibt doch einen Unterschied zwischen Worten und Wirklichkeit, und der trieft aus den Poren unserer transpirationsüberfluteten Körper

„Nur echter Wald kann uns vor Hitze schützen“, sage ich.

„… oder Duschen vielleicht auch?!“, sagst du.

„… und vor Sonnenbrand“, sage ich

„…aber nicht vor Waldbrand“, sagst du, „leider!“

… Bis wir dann doch noch einen Anruf von Freunden bekommen, ob wir bei der Hitze nicht mal mit raus aus der Stadt fahren wöllten: In die Pilze gehen! – Ein Vorschlag den wir gerne annehmen, Natascha-Lou und ich, ohne weiter drüber nachzudenken – Oder dann doch, aber da sitzen wir schon alle zusammen in diesem alten bunt angemalten Hippie-VW-Bus aus den 70ern mit all unseren auf ihren Handys zockenden Kindern, die wir nicht in die Schule geschickt haben, um sie nicht schon zu früh hinein zu sozialisieren in diese verdammte neoliberal-faschistische Leistungsgesellschaft – aber das ist ein anderes Thema.

„Wachsen bei dieser Trockenheit überhaupt Pilze im Wald?“ frage ich irgendwann dann doch noch nach zur Sicherheit, was allgemeine Erheiterung auslöst bei unseren Freunden, die doch schon ewig damit herumexperimentieren mit Fliegenpilzen und Magic Mushrooms und Ayahuasca-Ritualen, um ihr Bewusstsein zu erweitern oder die Hitze zu integrieren. Dann später angekommen in einem psychedelischen Waldstück irgendwo hinter Stahmeln oder Lützschena gehen wir wirklich in die Pilze und haben alle zusammen irgendwelche bildgewaltigen Hippie-Durchbrüche im Unterholz unseres Unterbewusstseins oder im Sternburg-Wald, wie wir ihn nennen, weil wir dann doch noch Bier nachgießen auf die Pilze und auf den psychedelischen Schreck, weil alles so blau aussieht plötzlich wie bei Neo Rauch in Bayreuth. Und unsere zockenden Kinder schauen jetzt doch mal kurz von ihren Smartphones hoch und mustern uns, als wären wir irgendwelche krassen Fabelwesen aus Harry Potter.

 

Alles über Wald 4:

Waldausflug – Fortsetzung mit Tieren

Einhörner sieht man jetzt immer seltener im Wald, höre ich mich sagen, es sei denn, man kommt an einen Waldsee und wir kommen bei unserer Pilzwanderung jetzt wirklich an einen Waldsee mit angeschlossenem Campingplatz bei Klein-Liebenau kurz vor der Autobahn, und wir sehen wie in einer Art magischer Prozession hunderte Rentner-Dauercamper zusammen mit ihren Enkelkindern hunderte aufblasbare Schwimmhilfen der Badesaison 2018 ins Wasser schieben: gigantische rosa Einhörner, die von dröhnenden Elektroluftpumpen angetrieben ihre Hälse vier, fünf, sechs Meter hoch in die Waldluft recken und dann über den See schwimmen – wirklich wie in Hogwarts.

„Wald ist immer ein Ausdruck der eigenen Gefühle“, sagt Natascha-Lou, und wir tauchen zwischen diesen ganzen Einhörnern und Rentnern und Kindern hindurch auf diesen Waldsee hinaus und die Sonne schmiert hoffentlich langsam ab, bete ich voll Inbrunst, und:

Ja meine Gefühle sind manchmal wirklich wie ein Wald, denke ich, den ich wegen der Hitze vor Bäumen nicht sehe oder mit meiner Kindheit verwechsle. Die Geschichte von Rotkäppchen zum Beispiel: Meine Mutter hat mich echt wegen meiner ganzen Locken schon mit drei Jahren als Rotkäppchen verkleidet zum Kindergartenfasching sozusagen in den Wald geschickt. – „Ach der Kleine sieht so süß aus!“ – Und mein älterer Bruder durfte als der böse Wolf gehen. – „Es gibt da ein Problem, tief in mir drin deswegen bis heute“, sage ich: „Ich bin ein Leben lang verwechselt worden. Eigentlich bin ich der Wolf!“

„Ja“, sagst du, „bei Wald kann es echt leicht zu Verwechslungen kommen, wie bei Nietzsche, denn Wald ist nicht gleich Wald – steht schon bei Wikipedia geschrieben“, sagt Natascha-Lou, „schon seit ein paar Jahrhunderten vor Christus – in Aramäisch, ich zitiere – DOPPELPUNKT: Es gibt Laubwald und Mischwald und Nadelwald und Regenwald, aber Regenwald leider nicht bei uns, zumindest nicht diesen Sommer. Und es gibt Eukalyptuswald, wo die Bonbons den Kindern in den Mund fallen, wenn sie nach oben gucken!“, flüstert Natascha-Lou verträumt und ihre Augen drehen sich erwartungsfroh gen Himmel … – umsonst.

„Und wusstet Ihr, der Wald ist jetzt neuerdings auch bei Youtube und hat einen eigenen Kanal, und er postet Dinge über sich, die man lieber nicht sehen möchte…“, sagen plötzlich unsere Hippie-Freunde von Friends of the Earth oder Greenpeace, „Waldsterben zum Beispiel und Brandrodung und Waldbrand! – Wald 007 – Bitte kommen! Wir haben einen Auftrag für Sie!

„Yo! COzwei“, sagt der Wald, „ist jetzt mein Ding, ich binde das überflüssige COzwei für Euch, damit nicht noch mehr Hitze kommt und Klimakollaps.

„Ja danke“, sagen wir, „danke, Wald!“ Und: wow!, denken wir: wir können plötzlich wieder echt: „Ja, danke“ sagen, so wie früher in unserer totalitären Kindheit. – Wald sei Dank!

und wir wundern uns ein bisschen über uns und was der Wald mit uns macht auf diesem nicht enden wollenden Wald-Pilz-Trip in diesem Sommer 2018.

Aber der Wald hat auch noch andere Tiere in sich drin als Wölfe und Einhörner, bemerkt Natascha-Lou später am Rand einer Lichtung, als die Sonne sich dann langsam doch noch bemüht, irgendwie unterzugehen.

„Ja, ja, das mit dem Untergehen kann man ja bei der Affenhitze schon mal kurz vergessen zwischendurch, sorry Alter“, schreit die Sonne, „Starrt mich mal bloß nicht alle so an!“

„Wir sind ja schon still!“, summen wir

„Summ Summ Summ“ –

Wie Waldbienen zum Beispiel auf Honigfang

 

 

Alles über Wald 5: Wald aus Bienen – ein Rettungseinsatz-Gedicht

Summ Summ Summ …

Und als wir den Bienen im Wald

ein neues Zuhause gaben

mit unseren Körpern

Ein neues zu Hause gaben

Und sie in uns hineinfliegen ließen

Und sie in uns hineinstechen ließen

Und kleine anaphylaktische Schocks auslösen ließen in uns

Um unsere Körper zu testen

Bevor noch der Winter kommt

Oder um unsere Kinder zu testen

Bevor noch der Winter kommt

Und wie sie darauf reagieren würden

wenn unsere Arme und Beine und Körper plötzlich

anzuschwellen begännen

wenn wir wie riesige anaphylaktische Ballone würden

die hinaustrieben bis in die Stratosphäre

und das Wetter beeinflussten

und das Klima beeinflussten

beim Durchstoßen der Cumuluswolken

mit ganz viel Bienen in uns drin

die wir retten wollten

vor Glyphosat, Bayer und Monsanto

oder dem Winter

der kommen wird

mit Apis C200

und diesem Gedicht

mitten im Wald

summ summ summ summen wir

in uns drin

wie fliegende Honigpumpen vor dem Bienensterben

Joseph Beuys sei Dank alles wird gut

Ein Rettungshubschrauber kommt.

 

 

Alles über Wald 6:

Sex und Drugs in den Fichten – Refrain, bitte kommen!

 

Und ich erwache in diesem dröhnenden Rettungshubschrauber, der knapp über die Baumkronen des Nördlichen Auwaldes Richtung Uniklinik jagt. Und meine Kehle brennt und mein Herz rast  und außerdem habe ich einen tierischen Ständer, und ich weiß auch nicht warum. Und Natascha-Lou hält meine zitternde Hand. –„S’waren wohl doch  ‘n bisschen viel Pilze für’s erste Mal“ flüstert sie, und sie wischt mir mit einem Tuch den heißen Schweiß von der Stirn und dann beginnt sie mit leisen Obertönen in der Stimme eine alte schamanistische Waldheilungs- und Hochzeitshymne aus dem deutschen Neolithikum zu performen. Und die geht so:

 

Schlaf mit den letzten Koniferen

Bevor der Waldbrand kommt

Und wenn du denkst, dass sie es wären

Und wenn du denkst, dass sie es wären

Schlaf mit den letzten Koniferen

Bis auch du so‘n krasses Nadelkleid bekommst

 

Schlaf mit den Erlen in den Sümpfen

Und mit den Eichen still auf Strümpfen

Schlaf mit den letzten Welteneschen

Schlaf mit den Fichten –  schnell vergessen

Bevor der Waldbrand kommt

Bevor der Waldbrand kommt

 

Schlaf mit dem Weißdorn in den Büschen

Schlaf mit Robinien voll Hornissen

Schlaf von mir aus mit den Linden

Wo wir uns immer wieder finden

Bevor der Waldbrand kommt

Bevor der Waldbrand kommt

 

Schlaf mit den Amseln in den Hecken,

Holundern die dich niederstrecken

Und mit Robinien ohne Namen

Mit Farnkraut und mit Nesselsamen

Mit Pilzen voller Transzendenz

Bevor der Waldbrand kommt

Bevor der Waldbrand kommt

Lalaaa-lalala!

Live is Live!

 

 

Alles über Wald 7:

 

„Geh in den deutschen Wald“,

sagte Mark Twain

„und du kommst als ein Anderer zurück!“

und:

„Wald ist wie Lesebühne

Nur krasser!“

Danke für alles nochmal

Wald – du mein Hitzeschild dieses Sommers…

 

 

(foto: kurt mondaugen/oliver baglieri)

Lametta first! Eine Weihnachtsgeschichte

Weihnachtsbaum_Bloch

Es ist Mitte Dezember, das Jahr geht zu Ende und meine Therapeutin Natascha-Lou Salomé und ich liegen postkoital sediert auf der Behandlungscouch ihrer tiefenpsychologischen Praxis fünf Stockwerke hoch über der rotweinverglühenden Innenstadt, während ein Sicherheitshubschrauber der Innenministerkonferenz dröhnend über unseren Seelen kreist.

„Zeit für ein Jahresfazit, Kurt“, sagt Natascha-Lou plötzlich über das Dröhnen hinweg.

Ich schlucke irritiert. Was meint sie mit „Jahresfazit“? – Und worauf soll es sich beziehen? – Auf meine Therapiesitzungen? Oder auf unsere Beziehung im Ganzen? Oder auf die Weltlage im Allgemeinen. Letzteres erscheint mir am unverfänglichsten: „Ja, sage ich, die Scheiß-AFD-Atzen! – Jetzt haben sie es tatsächlich in den Bundestag geschafft! Und Donald Trump brüllt jetzt auch jeden Tag lauter im Weißen Haus ins Rote Telefon. Und in der Ukraine ist immer noch Stellungskrieg an der Ostfront. Schrecklich!“

„Ja, schrecklich“, murmelt Natascha-Lou. Und dann erklärt sie mir, dass das alles irgendwie rein natürliche Ursachen hätte, irgendwelche Sonnenprotuberanzen, die die kosmische Hintergrundstrahlung verändert hätten, die wiederum auf die Neuronen in unser Gehirnen hier unten auf der Erde einwirken würde, die dadurch neu formatiert würden und manche Menschen hielten das eben nicht aus und wählten dann AFD oder Amerika first oder Russland first oder Ukraine first oder Kalifatstaat first jedenfalls.

Und ich sage „Aha“, und dass ich da selber stattdessen mehr so eine kulturelle Erklärung für das bekloppte Wahlverhalten der Leute und die politische Eskalation in der Welt hätte. „Es hat alles eher etwas mit fehlendem Lametta zu tun als mit den Sternen!“ sage ich.

„Mit fehlendem Lametta?“, fragt Natascha-Lou entgeistert. „Wieso mit fehlendem Lametta?“

Und mit Hilfe meines leuchtenden Stirnchakras (ANSCHALTEN) hypnotisiere ich Natascha-Lou flugs in unsere gemeinsame Kindheit in den silbernen 70ern zurück, als in ganz Deutschland, in Ost wie in West, ja in der ganzen Welt, an Heiligabend alle Weihnachtsbäume noch voll krass mit tonnenweise Lametta behängt waren und silbern glänzten und funkelten. „Und weißt du noch, Natacha-Lou, wie dieses silberne Funkeln damals tief in uns drin dieses entspannte Ich-fühle-mich-zu-Hause-Heimatgefühl ausgelöst hat. Und das ging damals allen Menschen unter allen lamettaverhängten Weihnachtsbäumen auf  der ganzen Welt so, den Atheisten, Marxisten, Muslimen und Rohinjas und Buddhisten aller Länder genauso wie den Katholiken und Orthodoxen. Sogar bei den Russen und Ukrainern und Amerikanern hat das Lametta damals dieses tiefenentspannte emotionale Heimatgefühl verbreitet, diese Gefühl, dass man wenigstens einmal im Jahr als Mensch in dieser Welt wirklich willkommen und angenommen und metaphysisch echt at home ist in diesem silbernen Lametta-Leuchtgeflimmer unterm Tannenbaum.“

Und während der Sicherheitshubschrauber der Innenministerkonferenz immer noch dröhnend über unseren Seelen kreist (und die Innenminister in diesem Moment bestimmt gerade wieder eine Verschärfung der Heimatschutzgefühlsgesetze beschließen) und während Natascha Lou dazu verwirrt mit dem Kopf nickt und mich ungläubig anstarrt, fahre ich mit meinem lamentierenden Lametta-Monolog fort:

„Und erinnerst du dich, wie die Welt noch in Ordnung war damals in den 70ern dank Lametta Entspannungspolitik angesagt. Aber dann irgendwann schleichend in den 80ern hat das alles begonnen zu erodieren. Es gab immer weniger Lametta auf den Weihnachtsbäumen Jahr für Jahr, Natascha-Lou, und erinnerst du dich, dass sie deshalb immer weniger in unsere Seelen hineinleuchteten diese Weihnachtsbäume in Ost wie in West damals und dieses silbern funkelnde Heimatgefühl deshalb nach und nach verloren ging in uns und die innere Geborgenheit auch. Und dann kam die Wiedervereinigung und der Neoliberalismus und dann 9/11 und Afghanistan und der Irakkrieg und Hartz IV irgendwann und die soziale Kälte und Depression als Massenphänomen und andere psychiatrische Probleme, schau nur mich an, Natascha-Lou. Und das alles, weil das verdammte Lametta auf den Weihnachtsbäumen verschwunden ist! Und 2013 hat dann sogar – völlig unbeachtet von der Öffentlichkeit – auch noch die letzte große Produktionsfirma für Lametta in Deutschland, die legendäre Epsteiner Stanniolfabrik schließen müssen – wegen fehlender Nachfrage. Und, macht es jetzt Click bei dir, Natascha-Lou?“

Aber meine Therapeutin schüttelt nur verstört mit dem Kopf, während der Sicherheitshubschrauber der Innenministerkonferenz dröhnend über unsere unverstandenen Seelen kreist.

„Na, es sind die Nazis und Rechtspopulisten, die daraus ihren Profit gezogen haben, aus diesem allgemeinen Lametta- und Heimatgefühlsschwund in der ganzen Welt. Und es ist eben kein Zufall, dass genau 2013 die AFD gegründet wurde, und ich will nicht ausschließen, dass die bei der Werkschließung der Eppsteiner Stanniolfabrik nicht sogar ihre Finger mit im Spiel hatten. Wegen des fehlenden Lamettas brüllen die Leute jetzt überall Deutschland erwache! oder Amerika first! Oder sie zetteln gleich irgendwelche bekloppten Kriege an in der Ukraine oder in Syrien, um wieder dieses Heimatgefühl zurück zu bekommen. Fickt euch! Man muss da einfach mehr Lametta hinliefern, sage ich immer. Statt Bomben schmeißen lieber Stanniol runterrieseln lassen, tonnenweise, am besten das ganze Jahr lang, damit der Irrsinn aufhört!“ Ich merke, ich habe mich in Rage geredet

Natascha-Lou schaut mich entgeistert an: „Das meinst du doch jetzt nicht ernst, Kurt – das mit diese Lametta-Theorie des Heimatgefühls.“

„Doch!“, sage ich. „Doch!“ rufe ich, „Doch!“, schreie ich, „Das meine ich verdammt Ernst! Genau dafür hab ich doch nun mal verdammte 17 Semester ohne Bafög und doppelten Boden Philosophie und Lamettawissenschaften studiert damals in den 90ern, dass ich die Welt damit erklären kann und dass ich den Durchblick habe, dass ich endlich den verdammten Durchblick habe, was das ganze Seelenlametta in uns drin und den Weltgeist angeht. Und John Cage und Ernst Bloch hatten es auch voll mit den Lamettafäden damals im letzten Jahrhundert. 1955 zum Beispiel saß dieser kommunistische Philosoph Ernst Bloch am Heiligabend in seiner Wohnung in Leipzig-Schleußig am Schreibtisch, kurz bevor er in den Westen ging, und starrte auf seinen silbern leuchtenden Tannenbaum und hielt dabei wie im Tagtraum ein paar beim Schmücken übrig gebliebene Lamettafäden zwischen den Fingern seiner linken Hand. Und plötzlich schrieb er, wie von magischer Hand geführt, die berühmten letzten drei Sätze seines verrückten Hauptwerkes „Das Prinzip Hoffnung“ auf – DOPPELPUNKT:

„Der Mensch lebt noch überall in der Vorgeschichte, ja alles und jedes steht noch vor Erschaffung der Welt, als einer rechten. Die wirkliche Genesis ist nicht am Anfang, sondern am Ende, und sie beginnt erst anzufangen, wenn Gesellschaft und Dasein radikal werden, das heißt sich an der Wurzel fassen. Die Wurzel der Geschichte aber ist der arbeitende, schaffende, die Gegebenheiten umbildende und überholende Mensch. Hat er sich erfaßt und das Seine ohne Entäußerung und Entfremdung in realer Demokratie begründet, so entsteht in der Welt etwas, das allen wie Lametta in die Kindheit scheint und worin noch niemand war: Heimat.“

„So, so“ murmelt Natascha-Lou und schaut mich an, als wäre ich jetzt ein gesellschaftliches Sicherheitsrisiko und die Hubschrauber würden nicht wegen irgendwelcher durchgeknallter  Innenminister, sondern wegen mir hier dröhnend über der Leipziger Innenstadt kreisen. Und sie ist aufgesprungen und hat sich ihren weißen Behandlungskittel übergeworfen, greift nach dem Telefon und will gerade die psychatrische Notfallambulanz anrufen, da skandiere ich:

„O.k. jetzt hilft nur noch Lametta oder Rock n Roll oder ein Weihnachtslied oder alles drei‘s  zusammen“, und ich springe in meine Klamotten, fingere die letzte Packung original Epsteiner Staniol-Lametta aus meiner Hosentasche, die ich heute morgen bei Ebay ersteigert habe, reiße sie auf und lasse sanft ein paar bedeutungsschwangere Stanniolfäden über Natascha-Lous Haar rieseln. Dann öffne ich das Fenster und kippe den Rest des Lamettas in den Abendhimmel, wo es durch den Wirbelsturm der dröhnenden Hubschrauberrotoren flugs über die ganze rotweinverglühende Leipziger Innenstadt verteilt wird und auf die irritierten Weihnachtsmarktbesucher runterrieselt, während ich den Ghettoblaster von Natascha-Lous Praxis anschalte und auf volle Lautstärke ins Fenster stelle, und wo jetzt dieser krasse Lametta-Weihnachtsbaum-Song zu laufen beginnt und den Hubschrauberkrach übertönt, und ich und Natascha-Lou und die gesamte Leipziger Innenstadt singen wie im Karaokerausch mit:

 

Lametta-Song  oder: Wir sind alle wie Weihnachtsbäume

 

Behängt alles mit Lametta,

mit Lametta wirkt alles echt

Wer Lametta trägt und silbern leuchtet

Ist emotional voll versorgt und im Recht

 

Behängt alles mit Lametta

Dann kriegt alles im Leben einen neuen Sinn

Behängt alles mit Lametta

Dann wird alles nur halb so schlimm

 

Zum Beispiel sind wir alle wie Weihnachtsbäume

Und wir leuchten und wir sterben vermutlich jung

aber mit ein paar Streifen Lametta

bleiben wir uns alle wenigstens in Erinnerung

 

Lametta macht uns locker

Wie andere Kokain

Lametta ist das neue Lametta

Und es glitzert schon in uns drin

 

Lametta ist der Weg ins wahre Leben

Wie für andere Anarchie

Lametta lässt dich beim Tanzen voll ausrasten

Denn es leitet elektrische Energie

 

Und auch Diskokugeln sind voll elektrisch

Und auch das hat seinen Grund

Denn auch Diskokugeln sind aus Lametta

Und sie leuchten uns mit Mondlicht gesund

 

Tut Lametta drauf wo andere verzweifeln

Lametta ist wie Therapie

Lametta vertritt echt Eure Interessen

Weil es ist eine Allegorie

 

Lametta ist die echte Alternative für Deutschland

Wer Lametta hat, hat nicht mehr AFD

Der hat selber genug Leuchtmittel an sich

Und mit Lametta tut selbst Weihnachten nicht weh.

 

Zwischen alles kann man Lamettafäden hängen

Was sich sonst in der Welt nicht verbinden lässt

Ich wünsche der Ost- und Westukraine

Voll das Lametta-Weihnachtsfest

 

Lametta connectet alles

Was sich sonst nicht connecten lässt.

Ich wünsche Nord- und Südkorea

Voll das Lametta-Weihnachtsfest

 

Lametta, Lametta, Lametta

Kein Wort davon ist zu viel

Lametta ist wie Tannenbaum-Karaoke

Lametta ist ein krasses Lebensgefühl

 

Refrain (ca. 12 mal wiederholen):

Und auch Liebe ist letztlich wie Lametta

Wir hängen uns alle gegenseitig damit voll

Denn wir sind alle wie Weihnachtbäume

Und Lametta ist unser Rock n Roll

 

 

 

 

 

Volksverräterverräter

Volksverräter_Schamanengesichter_mondaugen_KLEIN

Es ist kurz vor Mitternacht. Ich liege bei meiner Therapeutin Natascha-Lou Salomè auf der Behandlungscouch. Wir hatten früher mal eine Liason miteinander und uns anschließend versprochen, uns auch danach immer noch in Notfällen beizustehen.

„Und dies ist ein Notfall“ murmele ich, während mein verkrampfter Körper auf der Couch zuckt. – „Ich habe Angst“, murmele ich, „Ich habe verdammte Angst, seit ich ständig diese gigantischen Wahlkampfplakate mit Polizisten und vollverschleierten Frauen drauf am Straßenrand sehe. Außerdem habe ich habe Angst vor der Zukunft und davor, dass gerade irgendwo irgend so ein Bekloppter via Twitter einen Atomkrieg auslöst. Das alles würde ich schon noch verwaltet kriegen irgendwie, wie wir alle das gerade verwaltet kriegen müssen. Aber wo die Scheiß-Angst bei mir total aus dem Ruder läuft ist, wenn ich irgendwo einen wütenden Menschenauflauf höre, der laut ‚Volksverräter! Volksverräter! Volksverräter!‘ grölt. – Da schockgefriert’s mich.“

„So, so ‚Volksverräter‘ ist also dein Problem?!“, murmelt Natascha-Lou, sinnt einen Moment lang nach und sagt dann: „Es gibt da so eine neue Therapie: SRT – Semantische Rekonvaleszenz-Therapie. Sie ist ziemlich easy: Man spricht dasjenige Wort, von dem man sich bedroht fühlt, mal eine ganze Woche lang selber laut aus – und zwar nur dieses Wort! Schau, einfach, wie weit du es damit bringst, Kurt! Und am besten fängst du gleich morgen an damit! – So, jetzt: Auf, auf! Die Behandlung ist beendet!“

Und kein Augenaufschlag hilft, ich muss mich trotz der späten Stunde tatsächlich anziehen und Natascha-Lous Privat-Praxis verlassen. Als ich schon draußen im Treppenhaus zwei Etagen tiefer bin, ruft sie mir noch hinterher. „Kleiner Tipp noch, geh vielleicht am Anfang nicht gerade gleich nach Connewitz!“

Ich will „O.K!“ rufen, sehe auf meiner Uhr aber, dass es jetzt schon kurz nach Mitternacht ist und skandiere therapeutisch korrekt, wenn auch noch etwas vorsichtig, zurück: „Volksverräter!“ Dann schlägt die Haustür hinter mir zu.

Am nächsten Morgen erwache ich semantisch frisch gebügelt und in bester Laune. – Ich sehe mich im Spiegel: „Volksverräter!“, sage ich, strecke mir die Zunge raus, und es fühlt sich gut an. Ich schaue in meinen halbleeren Kühlschrank, murmele „Volksverräter!“ und knalle die Tür zu. Dann gieße ich Milch in meinen Kaffee bis er braun wird, nazi-braun, denke ich und murmele „Volksverräter!“. Ich putze meine Zähne, gehe noch mal auf Klo (groß), betrachte kurz gedankenverloren meine Kacke und sage wieder: „Volksverräter“. Es fühlt sich gut an, wie gesagt. Dann muss ich auf Arbeit.

Im Büro skandiere ich statt „Guten Morgen!“ euphorisch: „Volksverräter!“, reiße alle Zimmertüren auf und schreie überall rein: „Volksverräter! Volksverräter!“ Mein Chef – der früher mal Philosophie studiert hat und sich bei Hegel übelst auskennt, womit er bei Firmenfeiern immer angibt, wenn er ein paar zuviel gesoffen hat, obwohl das kein Schwein interessiert, so wie auch euch jetzt vielleicht – mein Chef, wie gesagt, zitiert daraufhin mit zitterndem Unterkiefer nicht Hegel, sondern mich in sein Büro: Und er fragt: „Was soll‘n das, Kollege?“

Und natürlich kann ich ihm das alles nicht erklären. Ich sage vielmehr beschwichtigend: „Volksverräter!“, aber das kommt irgendwie nicht gut an, fürchte ich und habe recht. –

„Wollen sie mich verarschen?“

„Volksverräter!“ sage ich abermals und schüttele den Kopf.

Er starrt mich zwei Minuten fassungslos an, dann kramt er meine Papier aus dem Regal, füllt einen Zettel aus. „Hier, Ihre Entlassung!“

Sorry, will ich sagen, und dass er als Philosoph doch eigentlich sprachliche Dialektik verstehen müsste, aber ich wiederhole nur: „Volksverräter!“

Dann habe ich wirklich frei. Ich stehe irgendwo tief im Leipziger Osten, vor diesem Bürohaus während der Verkehr an mir vorbeirauscht und denke: dass ich ja eh hier längst aufhören wollte, weil der mich sowieso die ganze Zeit übelst limitiert hat, der Scheiß-Job, und dass ich da nur 10 % meines geistigen Potentials nutzen konnte, was ja auch Ron Hubbard von Scientology immer predigt, obwohl Scientology jetzt vielleicht auch nicht die Lösung ist, sondern „Volksverräter“, denke ich. Und damit mein überhitztes Gehirn runterfahren kann, nimmt der nächstbeste syrische Imbiss auf der Eisenbahnstraße mich freundlich lächelnd bei sich auf: „Challo“ sagt der Besitzer.

„Volksverräter!“ hauche ich freundlich lächelnd zurück.

„Was möch-ch- ten Sie bittesch-ch-ön?“

„Volksverräter!“ murmele ich gedankenverloren.

Der Mann zögert einen Moment, dann gibt er mir Döner mit Bockwurst, und ich lächle wieder freundlich: „Volksverräter!“. Er lächelt zurück. Und beim Rausgehen eine halbe Stunde später winkt er mir fröhlich nach: „Volks-verch-chräter!“

Die Erkenntnis trifft mich, während ich die Klinke noch in der Hand halte: Ich habe soeben damit begonnen, durch und mit meinem Sprechen, die Bedeutung des Wortes „Volksverräter“ im deutschen Sprachraum subversiv zu unterwandern. Und ich fühle gleich, dass ich das forcieren sollte, weil das vielleicht zu meinem therapeutischen Auftrag gehört. Ich drehe mich also auf der Schwelle um und gehe ins Lokal zurück. Mit dem Zauberwort „Volksverräter“ bestelle ich dann einen schwarzen Tee nach dem anderen und sitze den ganzen Mittag und Nachmittag über in meinem Glas rührend im Ladenschaufenster, und ich starre auf die Eisenbahnstraße und warte darauf, dass draußen wieder so ‘ne Massenmesserstecherei anfängt, wo dann die Polizei und das Lügenfernsehen kommen, um live darüber zu berichten. Und ich male mir aus, wie ich zusammen mit meinem neuen syrischen Freund fröhlich „Volksverräter“ rufend durch den Schwenkbereich der Kamera tanzen und damit via Liveübertragung in ganz Deutschland eine semantisches Erdbeben auslösen würde. Aber bis zum Abend passiert nichts, und kurz vor Mitternacht trotte ich nach Hause.

Am nächsten Morgen muss ich gleich früh zum Amt, um mich arbeitslos zu melden. „Volksverräter!“ grüße ich den Pförtner in der Schumannstraße, der mich gleich in Notfall-Zimmer 112 einweist. Die Sachbearbeiterin dort blättert kurz in meinen Unterlagen, schüttelt mehrmals bedenklich den Kopf und murmelt dann: „… ‚Autor‘ … so, so, Schreiberling sind Sie also auch noch, na dann erzählen Sie mal so: was können Sie denn am besten schreiben?“

„Volksverräter!“

„Ah, verstehe, passt. Ist ja gerade Bundestagswahl, da hätte ich was für Sie – zumindest für die nächsten zwei Wochen: Ghostwriter. Hier ist die Liste aller Leipziger Parteizentralen, stellen Sie sich da mal überall vor. Und bitte auch FDP und AFD nicht auslassen – wegen der politischen Chancengleichheit! Hat man uns extra drauf hingewiesen!“

„Volksverräter…in!“ verabschiede ich mich.

Aber keine von den etablierten Parteien, in deren Büros ich im Laufe des Vormittags auflaufe, will mich wirklich haben. Selbst die Dame von der FDP lässt mich zwar auf die Frage was ich denn so könne, mehrmals „Volksverräter!“, „Volksverräter!“  „Volksverräter!“ grölen, ruft dann sichtlich beeindruckt bei ihrer Bundeszentrale an, doch nach einem halbstündigen Telefonat kommt sie seufzend zurück: „Ach, als der selige Herr Möllemann noch lebte, da hätte ich Sie jetzt nicht gehen lassen müssen, aber so, leider, leider, aber vielleicht bei der nächsten Wahl dann. Könne Sie mir noch mal Ihren Namen sagen?“

„Volksverräter!“

Latsche ich also als letztes zum AFD-Büro, gleich um die Ecke: „Volksverräter!“

Die Sekretärin grinst, prüft meine Unterlagen und ruft dann laut durch eine Tür nach hinten: „Uli – hier, der Kollege ist auch Ghostwriter, der kann dann gleich zusammen mit dir ausrücken!“ – Und hinter vorgehaltener Hand flüstert sie mir zu: „Uli ist Mini-Job-Hausmeister aus Mockau – und jedes zweite Wort bei ihm ist ‚Volksverräter‘ und sein parteiinterner Deckname auch.“ – Und sie grinst wieder. Und ich will entgegnen, dass bei mir sogar JEDES Wort „Volksverräter“ ist, aber stattdessen murmele ich nur: „Volksverräter“. Und in diesem Moment kommt auch schon Uli mit zwei schwarzen Farbeimern und mehreren großen Pinseln von hinten aus dem Lager, zerquetscht mir die Hand und sagt: „Gestatten: Volksverräter.“

„Volksverräter“ quieke ich.

Uli haut mir auf die Schulter. – „Na dann lass uns gleich mal losfahren, Alter!“

Draußen steht sein tiefergelegter VW Golf, und wir rauschen davon. Der erste Stopp ist an einer Freifläche mit fünf riesigen Wahlplakaten der etablierten Parteien. Volksverräter-Uli zeigt mir, wie man innerhalb von einer Minute mit fetter schwarzer Farbe von links nach rechts das „Volksverräter“-Wort quer über die Werbetafeln malen muss. Und da wir gerade in Mockau sind, entsteht dabei auch gleich ein kleiner Menschenauflaufmob aus Rentnern, die uns aus ihren Fenstern gesehen haben und nun in Hauspantoffeln runtergekommen sind und anfeuernd skandieren: „Volksverräter“ „Volksverräter“. Und ich bin also genötigt, unter lautem Applaus zweimal das Wort quer über die Plakatfläche zu schmieren. Es ist mir zwar ein bisschen peinlich, gehört aber bestimmt zur Therapie, denke ich, und irgendwann gewöhnt man sich an den Quatsch.

Kaum ist der letzte Pinselzug getan, ruft Uli-Volksverräter schon: „Komm Alter, wir haben noch viel vor heute!“ –  Und wir schaffen es tatsächlich, an diesem Tag sämtliche Wahlplakate im Leipziger Norden und Osten sowie im ganzen östlichen Umland bis Wurzen und Colditz mit „Volksverräter“ zu überschreiben. Der größte Auflauf entsteht dann am Abend in der national befreiten Zone Geithain. – Auf dem Marktplatz dort hängen ca. 100 große Plakate – immer abwechselnd von NPD und AFD. Es gibt nur ein einziges kleines verschüchtertes CDU-Plakat in A4-Größe an einer Laterne zur Seiteneinfahrt des Rathauses. Dort erwarten uns schon 200 euphorische Menschen und skandieren „Volksverräter“ „Volksverräter!“ Uli und ich steigen wie Sherriffs aus unserem VW, halten die fett in schwarze Farbe getauchten tropfende Pinsel wie Colts an unseren Seiten und schreiten unter großem Jubel zur finalen Überschreibung des einzigen örtlichen CDU-Plakätchens. Plötzlich überschwemmt es mich: „Volksverräter“ „Volksverräter“ „Volksverräter“ schreie ich schrill und immer schneller werdend und beginne plötzlich mit meinem schwarzen Pinsel wie im Rausch hemmungslos und unkontrolliert auch sämtliche AFD- und NPD-Plakate auf dem Platz mit „Volkverräter“ zu überschmieren.

Jäh wird es still auf dem Platz, weil alle mich fassungslos anstarren, auch Volksverräter-Uli ist einen Moment lang perplex. Dann kommt er zur Besinnung, jagt hinter mir her, erwischt endlich meinen Arm, reißt mir den epileptisch zuckenden Pinsel aus der Hand, zerrt mich ins Auto und schreit: „Bist du irre, Alter?!“

Aber was soll ich sagen: „Volksverräter“ sage ich, schreie ich wieder und wieder, während schon die ersten empörten Pflastersteine auf Ulis getunten VW fliegen. –

„Scheiße, Scheiße, Scheiße!“ brüllt Uli, bei dem also doch nicht jedes zweite Wort „Volksverräter“ ist, registriere ich, während wir schon über die Autobahn zurück Richtung Leipzig rasen. „Du bist ja irre! Du bist ja wirklich irre!“ ruft Uli dabei immer wieder, schüttelt selber wie irre den Kopf und haut beim Fahren arhythmisch aufs Lenkrad. Und irgendwo an der Abfahrt Connewitz/Dösen schmeißt er mich dann raus: „Früher hätten sie solche wie Dich gleich vergast!“ murmelt er zum Abschied.

„Volksverräter“ murmele ich entschuldigend zurück und springe geistesgegenwärtig ins Unterholz, um nicht doch noch eins auf die Fresse zu kriegen. Die Dämmerung setzt ein, und wenn ich ehrlich bin, nach zwei Tagen von Natascha-Lous Therapie-Experiment fühle ich mich wirklich ein bisschen erschöpft und durchgedreht – fast wie dieser Woyzeck damals, vor 200 Jahren, als er von Georg Büchner wochenlang nur Erbsen zu essen kriegte, denke ich, und: bin ich jetzt wirklich wie Woyzeck, und werde ich am Ende dieses Experiments oder spätestens nach der nächsten Bundestagswahl vielleicht auch irgendwann hingerichtet, wenn Björn Höcke dann eines Tages Bundesjustizminister geworden ist zumindest? – „Volksverräter“ fluche ich und jage wie ein prophylaktischer Untoter durch den nächtlichen Auwald.

Es ist kurz vor Mitternacht. Mit letzter Kraft wähle ich Natascha-Lous Notfallnummer und winsele in mein Handy: „Volksverräter!“

„Komm einfach vorbei“ haucht Natascha-Lou beruhigend zurück und empfängt mich in einem psychedelischen Schlafanzug bei Kerzenlicht. Gleich hilft sie mir aus den panik-verschwitzten Klamotten, streicht sanft von oben nach unten über meine sämtlichen Chakren. Als sie beim Wurzelchakra ankommt, beginnen wir uns zu küssen, während im Hintergrund Rachmaninov oder Diamanda Galas läuft, und irgendwann flüstert sie mir ins Ohr, wo die Kondome liegen, und ich taste danach und versuche die Kondompackung aufzureißen, aber es geht irgendwie nicht, und irgendwie droht das, die Candlelight-Stimmung zu versauen. Und ich werde nervös, und Natascha-Lou fragt auch schon: „Kurt, was is‘n jetzt?“ – Und ich zerre noch einmal mit ganzer Kraft an der Plasteverpackung, und – …_das Kondom fliegt durch die Dunkelheit aus dem Zimmerfenster. Und ich will „Fuck!“ rufen – aber ich rufe: „Volksverräter!“

Stille im Raum! Ich halte den Atem an. Natascha-Lou hält den Atem an – zehn Sekunden lang. „Na geht doch!“ raunt sie dann in mein Ohr und beißt mich, und wir müssen beide lachen.

 

 

 

 

Feng Shui machen in Plagwitz oder: Achte auf den ersten Impuls!

Feng Shui Haus1

Keiner weiß, wie es richtig geht

Feng Shui oder dieses Gedicht

hinter‘m Friedhof Plagwitz zu leben

zum Beispiel am Abend nach unserer Beerdigung

wenn die Geister uns einschließen in ihr Gebet

(in ihr Gehege) für morgen

unter den Sternen (der Spinnerei)

unendliche Ironie

oder Feng Shui eben

keiner weiß, wie es richtig geht

so wie Yoga oder Pizza auch, denken wir

all diese fernöstlichen Dinge

mitgebracht von unserer letzten

Kroatienreise nach Thailand oder Tunis oder Novalis oder Maracaibo

ein schönes Wort nach dem anderen oder

Club Mate zum Beispiel oder Feng Shui Sake

als Reiseziel eingebildet

– alles nicht von hier, denken wir

dieses Wissen darüber

was vor dem Tod kommt

was wirklich alles noch vor dem Tod kommt

eines Tages als Bohemiens

denken wir im Jetlag dieses Gedichts auf der Karl-Heine-Straße

mit Interflug oder Flix Bus

unterwegs nach Tokyo oder Weißenfels

wo Novalis begraben liegt

denken wir, unter der Erde

und keiner weiß wie es richtig geht

dieses Leben unter Tage

oder jeden Tag Feng Shui machen

im mitteldeutschen Braunkohlerevier.

Gondwana Land Lichterfest

Tiger mit Mondaugen_klein

oder: Kindergeburtstag mit Trompetenblume              (nach einer wahren Begebenheit)

„Gondwana Land mit Verkleiden bitte!“ jubelt mein Sohn Oskar euphorisch auf die Frage, wie er sich dieses Jahr seinen Kindergeburtstag wünscht. Ich bin etwas irritiert, checke zur Sicherheit aber schon mal fix die Höhe meines verbleibenden Dispo ab, in den sich Gondwanaland tief hineinzubohren droht wie das versunkene Atlantis – ein einziger finanztektonischer Mariannengraben – wie mein Leben überhaupt, sinniere ich…

„Aber schließlich wird man nur einmal im Leben acht Jahre“, wischt die Mutter von Oskar kurz darauf beim Planungsgespräch am Telefon alle meine existenzialistischen Bedenken weg – „und ich helfe dir auch selbstverständlich!“ – sagt sie auch noch, und als mir Oskar dann nach dem Abendessen sogar noch stolz sein 2.-Klasse-Hausaufgabenheft zeigt, in dem sich heute ausnahmsweise mal nicht diese in tiefem Lehrerinnen-Affekt-Rot geschriebenen Textpassagen mit den üblichen drei martialischen Ausrufezeichen am Ende zum Gegenzeichnen finden, sagt mein Emotionalkörper aus unerfindlichen Gründen und wider besseren Wissens „O.k“ und: „Dann wollen wir mal!“

Und gleich darauf schreiben Oskar und ich wirklich zusammen diese Einladung, auf deren Vorderseite mein Sohn am Ende einen Gorilla mit rotem Lichtschwert malt. Schon in diesem Moment hätte ich ahnen können, was auf mich zukommt… – Aber: die Welt ist ein erkenntnistheoretisches Wunder, wie Wittgenstein immer sagt, und ich frage also nicht nach, sondern kopiere die Einladung einfach neunmal und bete, dass alles im Großen und Ganzen schon seine Richtigkeit hat in diesem Universum trotz ISIS und EBOLA und TTIP… Und Oskar schreibt die Namen seiner besten Freunde aus der Klasse drauf auf die Einladungen: „Für Lukas Schmidt“, schreibt er, „für Arthur Palatschinski, für Roberto Schmidt, für Mesut Tarkan, für Paul Occupy-Schmidt, für Tung Nam Phong, für Kolja Lukaschenko, für Luise Panter und Luise Tiger“ – neun Namen, die ich von nun an niemals mehr in meinem Leben vergessen werde! – Aber das weiß ich in diesem Moment noch nicht!

Der Kindergeburtstags-Tag rückt heran. Oskars Mutter schickt mir am frühen Nachmittag eine SMS, sie käme von der Arbeit nun doch nicht rechtzeitig los heute, und ich solle nur ruhig schon mal vorgehen mit den Kids. – Und ich hole also die ganze Kindergeburtstags-Bande allein um drei Uhr aus dem Schulhort ab. Oskar und seine Freunde sind wundersamer Weise alle schon fix und fertig zum Abmarsch bereit und tragen überdimensionierte 100-Liter-Jack-Wolfskin-Rucksäcke auf ihren Schultern. Die Eltern der neun eingeladenen Kinder sind auch gekommen, um kurz noch die Ranzen ihrer Schützlinge abzuholen. Sie winken ihren Kindern hastig zu und verabschieden sich dann auch von mir, indem sie mir anerkennende Blicke zuwerfen und „Na dann!“ rufen oder: „Toi! Toi! Toi!“

Nur die Mama von Tung Nam Phong – Betreiberin des legendären Hanoi-Paradies-Imbiss „Lotusblüte“ auf der Zschocherschen Straße – fragt: „Oh, Hel Mondaugen, Sie wolle das wilklich alles alleine mache…?!“

„Nein, nein“ antworte ich beruhigend, „ich kriege gleich Verstärkung! – Wenn wir am Zoo sind, kommt Oskars Mutter dazu!“

Frau Nam Phong nickt noch immer ein wenig skeptisch, eilt dann aber mit leichtem Kopfschütteln zurück in ihr Geschäft. Wenigstens in diesem Moment hätte ich etwas ahnen müssen. Aber: „Na, was habt ihr denn da in den Rucksäcken?“ frage ich stattdessen ganz unschuldig interessiert und nur mal so zum ersten gemeinsamen Lockerwerden in die Kindergeburtstagsrunde.

„Ach, ist nur so die Verkleidung für später, keine Sorge, Herr Mondaugen, Alter, alles im Grünen Bereich!“, antwortet Lukas Schmidt stellvertretend für die ganze Gruppe und gibt dann das Handzeichen zum Aufbruch, woraufhin sämtliche Kinder plötzlich wie die Bekloppten loszurennen beginnen – Richtung Straßenbahnhaltestelle. Ich stehe für ein paar Sekunden starr da wie im Schock. Dann jumpe ich mit kollabierenden Lungen hinterher… Fünf Querstraßen und eine anschwellende Kaskade aus Reifenquietschen und Hup-Exzessen später habe ich die verdammte Kinder-Gang kurz vor Überquerung einer roten Ampel eingeholt und versperre ihnen keuchend und mit ausgebreiteten Armen den Weg.

Meine Nerven liegen blank. Mein Körper zittert bis in alle Kapillaren, mein Gehirn versucht seine sauerstoffunterversorgten Synapsen wieder zu verlinken, und ich brülle jetzt, wie ich noch nie in meinem Leben gebrüllt habe: „VERDAMMT! WAS FÄLLT EUCH EIN!?“ brülle ich, oder besser: will ich brüllen, aber ich kriege keinen einzigen Ton raus! Und unwillkürlich erinnere mich an den Moment, als mir eine ungarische Wahrsagerin in meiner Kindheit auf Wunsch meiner Eltern aus der Hand gelesen und prophezeit hat: „Die Junge hat grossszze Problem mit Autoritäts-Ausübung! – Kann mal später nix Polizist werden, nix Lehrer und nix Offizier!“

Und als könnten die Kinder um mich herum meine Gedanken lesen, schauen sie mich jetzt alle ein bisschen mitleidig an. Und mein Sohn Oskar tippt Lukas Schmidt kurz mit dem Ellenbogen gegen den Oberarm. Und dieser übernimmt daraufhin erneut das Kommando und ruft „So jetzt mal hier nicht wie ‘n Hammelhaufen, sondern alle ordentlich in Zweierreihe hinter’nander gestellt, und bei Grün jetten wir geordnet rüber wie eine Kampfgeschwader der Druidenarmee, klaro?! Wollen ja alle heil ankommen im Zoo oder?! Ausfälle schon vorher können wir uns nicht leisten! Da hat Oskars Alter mal echt fett recht!“ Spätestens in diesem Moment hätte ich ahnen müssen, was auf mich zukommt.

Bis wir an der Straßenbahnhaltestelle sind, hat sich mein emotionaler Aggregatszustand schon wieder halbwegs normalisiert, was sich allerdings erneut schlagartig ändert, als kurz nach dem Einsteigen in die Bahn plötzlich sämtliche Kids grüne und rote Laserschwerter aus ihren Rucksäcken zücken, und damit beginnen, wild  in Yedi-Sprache rumzuschreien und mit der imaginären Dunklen Seite der Macht zu fighten, wodurch wir innerhalb von zwei Minuten und trotz Rush Hour einen ganzen LVB-Waggon nur für uns alleine haben. Ich tue aber zur Sicherheit lieber so, als würde ich nicht dazu gehören, setze mich nach vorn zum Fahrer und murmele ein paar aufgebrachten Rentnern kopfschüttelnd zu: „Also die Eltern von denen, die müsste man mal in den Tagebau schicken, wie früher vor der Wende.“

An der Haltestelle ZOO skandiert Lukas Schmidt: „Alle Lichtschwerter einpacken und  aussteigen!“ Und während die Mutter von Oskar mich per SMS wissen lässt, dass sie leider immer noch nicht von ihrem Job loskäme, und ich nur mal schon mit den Kids in den Zoo reingehen solle, defilieren die Kinder in handzahmer Zweierreihe wie eine stille Kinderkreuzzugs-Prozession hinter mir her Richtung Zooeingang. Kurz bevor wir das Haupttor erreichen, pressen sich Paul Occupy-Schmidt, Kolja Lukaschenko und Luise Panter plötzlich eng an mich und versuchen ihre Gesichter in meinen Jackentaschen zu vergraben.

„Was ist denn mit denen los?“ frage ich verwirrt meinen Sohn Oskar, der hinter mir läuft.

„Papa, pst!“ flüstert Oskar zurück und deutet mit der Hand unauffällig auf eine fett rot umrahmte Fotoleiste direkt über den Zookassenhäuschen, auf der drei Kindergesichter zu sehen sind, und darunter steht mit dicken Lettern : „Lebenslanges Zooverbot für: Paul Occupy-Schmidt (acht Jahre), Kolja Lukaschenko (7 Jahre), Luise Panter (7 Jahre)!“ – Spätestens hier hätte ich wissen müssen, was auf mich zukommt…

Aber ich kaufe trotzdem die 10er-Gruppenkarte für den Extra-Supersparpreis von 299 Euro. Und wir schlendern – von der Zoo-Security bereits argwöhnisch beobachtet – Richtung Personenschleuse am Einlass, wobei ich mit Paul, Kolja und Luise in meinen Jackentaschen die Vorhut bilde, und gerade wollen wir unsere Tickets zur Entwertung in den Automaten schieben, um das Drehkreuz zu öffnen, da – …

„Wos ho‘m die‘n do in‘n Rucksäcken, Meester?“ stellt sich uns plötzlich so einer von diesen Zoo-Security-Leuten in den Weg.

„Och des is bloß n hormloser Kinderjeburtstoch – die Kids woll‘n ihr‘n Guscheltier‘n nur mol, ähem, ihre Verwondten im Zoo zeijschn!“ — antworte ich möglichst lässig in einer Mischung aus Anhaltinisch und breitem Gohliser Sächsisch, was dem Sicherheitstypen kurzzeitig die Sprache verschlägt und ihn irritiert beiseite driften lässt, so dass wir uns alle unbehelligt durchwinden können, und ich grinse der gesamten skeptischen Zoo-Security noch immer in die leeren Gesichter, währende ich mit den Kids schon um die nächste Hecke biege.

„ – Respekt, Herr Mondaugen, Alter! Oskar, dein Vater hat‘s echt drauf!“, ruft Paul Occupy Schmidt anerkennend. Und im nächsten Moment schlagen sich alle Kinder samt ihren Rücksäcken ins nächstgelegene Gebüsch – gleich da drüben bei den Flamingos, die jetzt aufgeregt auf einem Bein zu hüpfen beginnen wie Kängurus beim Eisprung. Und niemand hat eine Erklärung dafür, außer dass sie gerade in einem imaginären Kinosaal „Star Wars“ gucken vielleicht und das das dabei freigesetzte Adrenalin irgendwas Durchgeknalltes mit ihnen macht – und tatsächlich: Keine Minute später kehren, jenseits von Gut und Böse, zehn kleine verkleidete Star-Wars-Gestalten mit blinkenden Lichtschwertern aus dem Flamingo-Gebüsch zurück. – Und zwar: gleich vier Darth Vaders mit den Stimmen von Lukas, Arthur, Mesut und  Paul Occupy, zwei Luc Skywalkers alias Luise Panter und Luise Tiger, zwei Meister Jodas alias Kolja und Oskar, sowie C-3PO Roberto Schmidt und R2 D2 Tung nam Phong!

Ich versuche noch zu begreifen, in welchem Film ich jetzt schon wieder gelandet bin, da reckt Darth Vader Paul Occupy sein Schwert nach oben und brüllt: „Auf zum Lichterfest nach Gondwana-Land“ und alle anderen Star-Wars-Helden tun es ihm gleich und brüllen zurück „Auf zum Lichterfest!“ Und mein Sohn Oskar kickt dazu seinen Fußball in die Luft, den er irgendwie auch noch in seinem Rucksack reingeschmuggelt haben muss, und alle stürzen dem Ball nach Richtung Westen.

Spätestens in diesem Moment hätte ich es wissen müssen, was auf mich zukommt…

Aber ich bin wie hypnotisiert und kann erst hinterherlaufen, als der Ball nach sechs/acht eleganten Doppelpässen bereits in hohem Bogen mitten ins Eisbärengehege gesprungen ist – und die beiden Luc Skywalker-Luises mit ihren Lichtschwertern akrobatisch wie Panter und Tiger über die Brüstung und mitten zwischen die irritierten Eisbären jumpen, um den Ball zurück zu doppelpassen. Und ich schreie: „Kommt da raus! Kommt da sofort raus!“ Aber natürlich hört das keiner – nur die Alarmanlage am Gehege geht los, und zwei Wärter jagen um die Ecke, aber R2 D2 Tung Nam Phong hat schon den Fluchtweg ausgecheckt, und wir jagen durch ein ausgedehntes Heckenlabyrinth, springen über ein paar gewaltig hohe Zäune, bis wir plötzlich in einem savannen-artige Freigehege stehen, das aber eigentlich nicht für uns, sondern für Rhinoceros afrikanenis reserviert ist, und die zwei Exemplare gegenüber recken jetzt wirklich ungläubig ihre Nashörner in die Luft, um uns zu fixieren und nach unseren Berechtigungskarten zum Betreten dieses Geheges zu fragen, die wir natürlich nicht dabei haben, was nicht gut ankommt bei den Nashörnern, sehe ich gleich, als die jetzt auf uns zusteuern mit 60 km/h.

„Immer ruhig bleiben!“ rufen die zwei Luc Skywalker-Luises uns zu – „Wir lenken sie ab!“ Und tatsächlich springen Luise und Luise den Rhinocerossen jetzt mit doppeltem Saltomortale entgegen, benutzen deren verdutzte Hörner als Haltegriffe und springen im Rodeo-Stil auf deren Rücken.

„Mein Gott! Hört damit auf!“, schreie ich lautlos, aber einer der Darth Vaders aus meinem Trupp zieht mich unterdessen durch einen Seitenausgang in Sicherheit. Apropos Sicherheit: schon wieder stürzen irgendwelche Wärter oder Zoo-Securities um die Ecke, die aber zum Glück ihrerseits verfolgt werden… – und zwar von zwei lichtschwert-schwingenden Meister Jodas, die jeder auf dem Rücken eines Gorillas durch auseinanderstiebenden Besuchertrauben über den Zooweg jagen. Gefolgt von einer Horde Schimpansen. Mein Gott, ich ahne: Meister Joda Kolja und Meister Joda Oskar haben in der allgemeinen Verwirrung mittlerweile offenbar ganz Pongoland befreit.

Irgendwie ist dafür jetzt aber wieder unser ganzer Kindergeburtstagstrupp vollständig beisammen, und wir jagen um die Gehege bis wir an einem Eisstand vorbeikommen und Meister Joda Kolja von seinem Gorilla runter „Halt!“ brüllt und: „Jetzt gibt’s fett Eis für Alle! – No Limits, und Meister Mondaugen bezahlt!“ Ich keuche schwer und nicke. – No limits! Natürlich! Und ich hoffe, dass ich diese Kindergeburtstags-GANG damit erst mal eine Weile ruhig stellen und diese verdammte Zoo-Apokalypse doch noch aufhalten kann. – Noch zweieinhalb Stunden – bis 19 Uhr muss ich durchhalten, dann kommt die Dunkelheit und der Zoo schließt und die Party ist endlich vorbei, hoffe ich und röchle: „Nehmt nur so viele Kugeln wie ihr wollt, ich bezahle alles!“

– Aber der Eisverkäufer ist wegen der Gorillas heute unendlich zuvorkommend und wispert: „Nein, Nein, geht alles aufs Haus, nehmt so viel ihr wollt – heute ist Selbstbedienung!“ – Und mit diesen Worten setzt der feige Typ sich ab, indem er sich in das direkt hinter ihm gelegene Pinguin-Becken plumpsen lässt.

Darth Vader Paul Occupy-Schmidt bringt mir in der Zwischenzeit schon mal eine Kugel psychedelisch gemustertes Eis mit einer riesigen Blüte drauf. – „So Herr Mondaugen, Alter, jetzt entspann dich erstmal und iss ‘ne Kugel Eis mit Beilage!“

Und ich lecke vorsichtig daran und frage misstrauisch: „– was ist n das? Papageieneis?“

– „Nee, Engelstrompetenblumen-Eis, Herr Mondaugen – danach siehste die Welt endlich wieder mal n bisschen mehr mit Kinderaugen, Alter! – So und jetzt iss noch schnell die Blüte dazu…!“

Aber als ich die Engelstrompeten-Blüte heimlich wegschmeißen will, steht plötzlich Koljas Gorilla hinter mir und hilft mir mit hartem Griff bei der weiteren Nahrungsaufnahme.

Spätestens in diesem Moment hätte ich es wissen müssen, was auf mich zukommt…

Und tatsächlich – meine mentale Wahrnehmung beginnt sich langsam kinderpsychedelisch zu entspannen – als unser Geburtstagspartytrupp nach zehn Minuten wieder aufbricht…

Direkt vor uns leuchtet jetzt schon die Glaskuppel von Gondwana-Land. Darth Vader Mesut Tarkan und Darth Vader Lukas Schmidt machen noch schnell einen Abstecher ins Elefantenhaus und kehren mit zwei riesigen indischen Dickhäutern zurück, gerade als wir den Eingang von Gondwana erreichen.

In diesem Moment ruft mich Oskars Mutter an: „Ich kann hier auf Arbeit immer noch nicht weg leider. Wie läuft‘s bei Euch? Habt Ihr Euren Spaß? Ach ich wäre so gern dabei, Kurt, naja, du machst das schon!“

Und ich erzähle ihr von zwei Darth Vader-Kindern, die auf Elefanten reiten und vonMeister Joda alias Oskar auf dem Rücken eines Gorilla Eis essend und Pirouetten tanzend in der Eingangspforte von Gondwana-Land. Und Oskars Mutter freut sich über meinen Witz und legt auf… – während Darth Vader Paul Occupy uns bereits für das Entern von Gondwanaland strategisch aufzuteilen beginnt:

C-3PO Roberto Schmidt und R2 D2 Tung nam Phong sollen zu den Totenkopfäffchen, Lukas Schmidt und Arthur Palatschinski sollen sich um die Experimente mit den Piranhas kümmern. Ich selbst muss zusammen mit den Gorillas von Meister Joda Kolja und Meister Joda Oskar diese krasse Bootstour durch die Unterwelt machen und anschießend mit den beiden Luises Krokodilrücken-Surfing spielen, indem wir den immer wilder werdenden Viechern auf dem Wasser von Rücken zu Rücken springen. Luise Panter rutscht irgendwann aus und verschwindet in der schlammigen Brühe. Wenig später sehe ich, wie ein Krokodil ein Lichtschwert auskotzt. Luise Panter sehe ich nicht mehr. – Krass! Zwei Krokodilrückensprünge später ist auch die andere Luise verschwunden. Von überall her kommen jetzt Entsetzensschreie aus der Gondwana-Halle. Ich kotze in ein Piranha-Becken – als ich auf dessen Boden zwei Kinderskelette und zwei Lichtschwerter leuchten sehe. „Scheiße! Scheiße! Scheiße!“ fluche ich, als auch das Flusspferd drüben vorm Wasserfall eine Meister-Joda-Maske zwischen den Zähnen zerkaut. Das kann nur ein Alptraum sein, denke ich und schreie: Oskar, Kolja, Mesut Luisa, aber es kommt keine Antwort! – Nur von oben das irre Lachen der Totenkopfäffchen unter deren Baum ich die zerschmetterten Einzelteile von C-3PO und R2 D2 erkenne…

Und ich stolpere in Panik aus der Gondwana-Halle… Draußen setzt irgendwie vorfristig die Dämmerung ein… während ich wie ein Gespenst mit Fieber-Hallus und Schüttelfrost durch die wie leer gefegten Wege des Zoos drifte. Vor meinen Augen ein einziges paranoides Lichterfest. Verfolgungswahn oder Verfolgerwahn, denke ich und spüre, wie mein Charakterpanzer zu explodieren beginnt und meine EGO-Grenzen sich auflösen: Eine einzige erlebnispädagogische Apokalypse ist das hier, denke ich, wie eigentlich mein ganzes Leben, denke ich, und auch als Vater habe ich komplett versagt, denke ich und dass ich die wirkliche Bedeutung von Gondwana-Land oder Star Wars oder dem Stadtmarketing-Lichterfest nun endlich verstanden hätte mithilfe von Engelstrompetenblumen auf Eis und Koljas Gorilla. Mein Restkörper krümmt sich indessen in konvulsischen Zuckungen. Ich spüre, ich habe aufgegeben und irre somnambul Richtung Zooausgang – vorbei an deprimierten Kamelen, an durchgeknallten Löwen, Adlern und Schlangen mit leuchtenden Lichtschwertern oder Kindern im Magen… und ich beginne irgendwas Zoologisches von Nietzsche zu rezitieren aus dem Zarathustra, dass man wieder zum Kamel werden müsse, wenn man gesund werden wolle in dieser kaputten Gesellschaft… Und ich denke, ich werde verrückt, aber es ist eine Art Durchbruch, versucht Nietzsche mir einzureden, und ich wusste schon immer, dass ich seine Reinkarnation sein werde eines Tages oder wenigstens seine Schizophrenie. Aber auch ich muss untergehen, denke ich dabei völlig erschöpft und erblicke jetzt zum Glück am Wegesrand das Hinweisschild „Streichelzoo“ und darunter einen Pfeil nach links. Und: ja!, denke ich, spüre ich, ich will jetzt nur noch eins: gestreichelt werden, nur noch heulen und vergessen und gestreichelt werden und nichts weiter!!!

Und auf allen Vieren kriechend schleppe ich mich zu meinem letzten seelischen Transformationsmassaker an diesem irren Kindergeburtstagsnachmittags. Und endlich habe ich es geschafft mich einzusperren in diesem Streichelgatter zwischen Ziegen und Schafen beginne ich wirklich zu blöken oder zu meckern wie eine Ziege, gefesselt an den Pflock des Augenblicks.

„Du – bäh – musst – bäh – loslassen, Kurt – bäh –!“ blökt ein Schaf neben mir zurück, „Ich – bäh – weiß – bäh – wovon ich rede – bäh –, wir waren alle mal Eltern – bäh –!“

Und genau in diesem Moment schickt mir Oskars Mutter eine letzte SMS: „Wie läuft‘s? Bin jetzt fertig mit Arbeit.  – Wo soll ich hinkommen?“ „Komm zum Zooeingang“ tippe ich mit letzter Kraft in mein Handy und: „Bring bitte irgendwas mit, um die Eltern der anderen Kinder ein bisschen zu beruhigen. Details später.“ Dann ist mein Akku alle, und ich schmiere zusammen mit meinem Handy ab…

Als ich erwache, stehen sie alle um mich rum und streicheln meinen lädierten Körper: die Darth Vaders Lukas, Arthur, Mesut und Paul Occupy, die Luc Skywalkers Luise und Luise, die zwei Meister Joda Kolja und Oskar sowie C-3PO Roberto und R2 D2 Tung. Und sie fuchteln dabei fröhlich mit ihren Lichtschwertern, und mein Meister-Joda-Sohn Oskar sagt: „Papa, ach hier bist du! Wir haben dich schon überall gesucht, es ist um sieben, der Zoo macht gleich zu, und wir wollen doch keinen Ärger kriegen!“

– „GING GONG; der Zoo schließt in wenigen Minuten. Bitte begeben Sie sich zum Ausgang. Wir hoffen, Sie bald wieder als unsere Gäste begrüßen zu dürfen“ –

Und während die Ansage läuft, zieht sich die ganze Kindergeburtstags-Bande ihre Star-Wars-Verkleidung aus und versteckt die Klamotten samt Schwertern in ihren Rucksäcken. Dann schnappen die Kids mich unter den Achseln und schleifen mich hinter sich her zum Ausgang. Dort stehen schon wieder die aufgeregten Leute von der Zoo-Security und fragen jeden, der aus-checken will, ob ihm Darth Vader auf einem Elefanten oder Meister Joda auf einem Gorilla begegnet sei, und wir alle schütteln beinahe entschuldigend mit den Köpfen und gehen freundlich grinsend vorüber.

Und draußen vorm Zooeingang erwarten uns schon sämtliche Eltern und prosten uns fröhlich zu und die Mutter meines Sohnes hat also tatsächlich eine Art Sektempfang improvisiert, und die Eltern sind auch schon ein bisschen besoffen und hauen mir anerkennend auf die Schultern und rufen überschwänglich: „Also, wie Sie das gemacht haben, Herr Mondaugen, so ganz alleine, ich hätte mir das nicht zugetraut! Sind Sie so was wie Dschungelpädagoge. Oder waren Sie Kampfschwimmer bei der Bundeswehr oder bei der GSG 9? Oder Tigerbändiger im Zirkus Krone im vorigen Leben? Und haben Sie auch Ihre Krokodilpeitsche dabei? Oder wenigstens den schwarzen Dan in Judo oder KARATE?!“

Und ich sage: „Nein, liebe Eltern, ich bin nur ein Gefäß Gottes und erlebe all diese Dinge im Leben, um sie später aufschreiben und vortragen zu können. Ich bin Gondwanas Gedächtnis, könnte man sagen, ein einziges zerebrales Lichterfest auf meiner Großhirnrinde – Nietzsche meets Meister Joda! – wenn Sie verstehen, was ich meine… Ansonsten hilft nur Trompetenblumen-Eis. Fragen Sie Ihre Kinder oder den Apotheker!“

Und alle sehen mich an, als wäre ich ein bisschen irre!  …   – Wie immer.